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Münster von ganz oben

Hier oben arbeitet kranfahrer paulo alves image 1024 width

Sprosse um Sprosse geht es nach oben. Langsam. Mit jedem Höhenmeter mehr pfeift der Wind kräftiger, der Straßenlärm verstummt. Zwischendurch warten kleine Podeste zum Verschnaufen. Bis zu Paulo Alves Arbeitsplatz sind es 35 Meter.

Zwischen den einzelnen Sprossen sieht man das Institut für Pharmazeutische Biologie und Photochemie an der Corrensstraße. Nach dem vierten Podest blickt man aufs Institutsdach. Zwei Podeste weiter hängen große schwarze Scheinwerfer. Noch einige Sprossen, dann kommt eine Luke. Hier ist die Spitze des Krans.

Freie Sicht: nicht nur auf die Baustelle, sondern auf ganz Münster . Was für Laien ein einzigartiges Erlebnis ist, gehört für Paulo Alves zum Arbeitsalltag. Seit 22 Jahren steigt er jeden Morgen auf Turmdrehkräne wie den an der Corrensstraße.

An der Baustelle in Münster ist er nur für den „kleinen" Kran zuständig. Gegenüber arbeitet sein Kollege, Jorge Arnaldo , in 45 Metern Höhe. Hier oben bewegen die Kranfahrer, was für Menschenhand zu schwer ist: Zementsäcke, Metallrohre, Platten und Wände.

Blind vertrauen

Während zentnerschwere Bauteile an Ketten über ihnen kreisen, heben die 28 Bauarbeiter am Boden nicht einmal die Köpfe. Sie vertrauen den Kollegen in der Krankabine blind. Grund ist die ständige Funkverbindung, die einzige Möglichkeit, sich abzusprechen. „Ohne das Funkgerät läuft hier auf der Baustelle nichts", sagt Klaus Naschinski, Projektleiter der Firma Aug.Prien . „Noch können beide Kranfahrer zwar sehen, wo sie alles ablegen, aber wenn erst mal das fertige Gebäude von 20 Metern steht, wird das schwierig. Dann müssen sie sich blind auf die Kommandos der anderen verlassen."

Ohne das Funkgerät läuft hier auf der Baustelle nichts.

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Klaus Jaschinski

Der scharfe Wind und die Kollegen am Boden bringen Jorge Arnaldo und Paulo Alves nicht aus der Ruhe. In der Kabine, so groß wie das Führerhaus eines Lkw, ist es still. Das Funkgerät knistert leise vor sich hin. Der Stuhl mit der Bedienungsanzeige füllt beinahe die ganze Fläche aus.

Durch die bodenlange Scheibe überblicken Arnaldo und Alves die Baustelle. Einmal auf dem Kran haben sie für das Münster-Panorama keinen Blick mehr. Die Arbeit zählt. Abwechslung bieten nur die zwei großen Pausen mit den Kollegen - inclusive Kletterpartie.

Klettern vor der Pause

Im Gegensatz zu Anfängern, die für den Aufstieg eine halbe Stunde benötigen, sind die Kranführer wesentlich schneller. „Das geht eigentlich in fünf Minuten", sagt Paulo Gomes. „Wenn man sich anstrengt, sogar noch schneller."

Gomes ist Polier der Firma Nullibau, er antwortet für seine Kollegen im Kran, die während der Arbeitszeiten ihren Platz nicht verlassen können. Wer zur Toilette muss, hält ein. Nur im Notfall wird auf die Flasche zurückgegriffen. Am frühen Abend steigen Jorge Arnaldo, und Paulo Alves ein letztes Mal herunter - mit einem wunderbaren Blick über Münster im Abendlicht.

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