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Das BILD-Protokoll - Die historische Brexit-Woche

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Der historische Brexit, der Austritt aus der EU - nun wird er tatsächlich Wirklichkeit. „Ab jetzt kann es kein Zurück mehr geben", sagte die britische Premierministerin Theresa May vor dem Parlament.

Für die Briten soll es jetzt darum gehen, die Scheidung ohne dramatische Nachteile für die Wirtschaft über die Bühne zu bringen. Doch in der Brexit-Woche ging es um mehr als nackte Zahlen: um Gefühle, um Tränen und Partystimmung am Anfang vom Ende einer 44-jährigen Mitgliedschaft.

Das BILD-Protokoll: Sonntag: Europa zeigt Flagge Tausende Menschen gehen in Europa auf die Straße. In London hält eine Demonstrantin ein Schild hoch mit der Aufschrift „Wir sind die 48 Prozent".

Damit meint sie die 48 Prozent, die im vergangenen Juni für den Verbleib in der EU gestimmt hatten. Für ein gemeinsames Europa setzt auch die Bewegung „Pulse of Europe" in Frankfurt, Paris oder Amsterdam sichtbare Zeichen.

Unter dem Motto „Pulse of Europe" (Puls Europas) demonstrieren am Sonntag in Frankfurt (Foro) und anderen Städten Tausende Menschen für eine gemeinsame Zukunft EuropasFoto: Thomas Lohnes / Getty Images

Den Brexit können sie trotzdem nicht mehr aufhalten.

Gleichzeitig gibt in London der einzige Ukip-Abgeordnete, Douglas Carswell, im britischen Unterhaus seinen Rücktritt bekannt. Nach dem Votum der britischen Bevölkerung für den EU-Austritt sei der Brexit inzwischen „gesichert". Damit habe er seinen Auftrag erledigt, sagte Carswell triumphierend.

Montag: Schotten stellen sich quer Das schottische Parlament will für eine zweite Volksabstimmung über die Unabhängigkeit von Großbritannien stimmen.

Grund für das Referendum ist der harte Kurs von Premierministerin May. Sie will nicht nur die EU, sondern auch deren Binnenmarkt verlassen.

Beim Brexit-Referendum im Juni hatte die Mehrheit der Schotten für den Verbleib in der EU gestimmt. Ein unabhängiges Schottland könnte in der EU - oder zumindest im Binnenmarkt - verbleiben.

Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon will das Referendum noch vor dem endgültigen Brexit abhalten. Das geht aber nur mit grünem Licht aus London. Für Theresa May kommt diese Diskussion höchst ungelegen. „Jetzt ist nicht die Zeit", sagte May bei ihrem Treffen mit Sturgeon dünnlippig.

Dienstag: May macht Ernst Premierministerin Theresa May unterschreibt die Austrittserklärung.

Ihre Unterschrift setzt sie im Regierungssitz in Downing Street 10 unter das historische Dokument. Die ersten Zeilen lauten „Dear President Tusk". Mit diesem Schreiben will die britische Regierung am Mittwoch Artikel 50 des EU-Vertrags auslösen. Mit der Unterzeichnung durch May ist der Brexit praktisch unumkehrbar.

Zum ersten Mal seit der Gründung der Europäischen Union kündigt ein Mitgliedsland seinen Austritt aus der Staatengemeinschaft an. Mittwoch: Time to say goodbye Um 13.28 Uhr hält Brüssel den Atem am. Es ist offiziell: Großbritannien reicht per Brief die Scheidung ein.

In einem weißen Umschlag überreicht Großbritanniens EU-Botschafter, Tim Barrow, das Dokument.

EU-Ratspräsident Donald Tusk twittert nach der Briefübergabe: „Nach neun Monaten hat Großbritannien geliefert." Künftige Verhandlungen dienten nur noch der „Schadensbegrenzung".

Theresa May spricht zur selben Zeit vor dem Londoner Unterhaus: „Das ist ein historischer Moment, von dem es kein Zurück geben kann." Sie beschwört die Briten, zusammenzuhalten.

Ironie des Augenblicks: Ausgerechnet der größte Spalter des Vereinigten Königreichs, der Kopf der EU-feindlichen Ukip-Partei, Nigel Farage, feiert am Abend den Brexit als seinen ganz persönlichen Sieg. Mit Bier und very britischen Socken genießt er den Erfolg seines jahrelangen Anti-EU-Feldzugs in einem Pub.

„Brexsack" Nigel Farage, der seit Jahren sein Geld als EU-Parlamentarier verdient, begießt den Brexit für die Fotografen mit Bier Foto: DANIEL LEAL-OLIVAS / AFP

Donnerstag: Merkels Trotz-Auftritt Bundeskanzlerin Angela Merkel richtet den Blick schon wieder nach vorn. Sie betont, dass die EU ein starkes Bündnis ist - und auch ohne die Briten bleiben wird.

Beim Treffen der Europäischen Volksparteien (EVP) in Malta lobt sie die EU als Friedensgemeinschaft. Von den verbliebenen 27 Mitgliedstaaten fordert sie Zusammenhalt. Die EU müsse nun schauen, dass man sich nicht „abschottet gegen die Nachbarschaft", sondern die „richtigen Antworten findet, ohne Grenzen aufzugeben", sagt Merkel.

Freitag: Tusk kriegt den Brexit-Blues Nach dem ersten Brexit-Schock versucht die EU, zur Tagesordnung überzugehen. Für EU-Ratspräsident Donald Tusk bedeutet das: Die Leitlinien für die Brexit-Verhandlungen vorstellen.

Im maltesischen Valletta erklärt Tusk daher, dass die künftigen Gespräche zum britischen EU-Austritt in zwei Phasen verlaufen sollen.

Erst soll die Trennung von Großbritannien und der EU verhandelt werden, dann kann man über die künftige Partnerschaft sprechen. Tusk richtet sich damit gegen den Wunsch von Theresa May, beide Phasen gleichzeitig zu verhandeln.

Auf Konfrontationskurs will der EU-Ratspräsident trotzdem nicht gehen.

„Der Brexit selbst ist schon Strafe genug", sagt Tusk. „Nach mehr als 40 Jahren zusammen schulden wir es einander, alles zu tun, diese Scheidung so glatt wie möglich zu gestalten."

Er schaut ein bisschen so aus wie der verlassene Ehemann persönlich. Schon am Mittwoch hatte er in einer offiziellen Stellungnahme verkündet: „Was soll ich noch sagen? Wir vermissen euch jetzt schon."

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