5 subscriptions and 8 subscribers
Article

Piratin, Literatin, Punk

13ov40vm93 detail image 383864

In den 1990ern gestaltete Kathy Acker ihren Körper, als sei sie eine Comicfigur. Foto: Kathy Brew

Weltpremiere: Der Badische Kunstverein in Karlsruhe organisiert eine Ausstellung und ein Symposion zum grenzüberschreitenden Werk der amerikanischen Literatin Kathy Acker


Von Carmela Thiele


Kathy Acker hat keine Literaturpreise gewonnen, sie hat auch keine Bestseller verfasst, aber vielleicht Geschichte geschrieben. Ihr Ansatz war speziell, und für den Badischen Kunstverein, der jetzt weltweit die erste Ausstellung ihres grenzüberschreitenden Werks zeigt, gehört sie zu den wichtigsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Die Amerikanerin hat sich jedoch nicht mit Charakteren und Plots befasst, sondern mit Sprache, dem Sprechakt und Identität, wie Matias Viegener betont. Er ist der Hüter des Nachlasses der 1997 verstorbenen Post-Punk-Lady. Er machte möglich, was selten ist, eine intime Begegnung mit einem widersprüchlichen Geist.


Ein Teil der 6.000 Titel umfassenden Bibliothek Kathy Ackers nimmt jetzt eine ganze Seite des großen Ausstellungssaals ein. Damit sind wir mitten drin in ihrem Kosmos, in ihrem Materialreservoir. Das Spektrum reicht von „1001 Nacht" über Byron zu Nabokov und Colette, High und Low, alles interessierte sie, auch die französische Theorie, Jacques Lacan, Deleuze und Guattari. Wichtige Anreger der jungen Kathy Acker waren die Dichter der Beat Generation, vor allem William S. Burroughs und seine Cut-up-Technik. Auch sie konstruierte ihre fantastischen, von Begehren und Aufbegehren erzählenden Geschichten mit den Sätzen anderer. Sie entwickelte eine eigene Technik und brachte es in 30 Schaffensjahren auf 13 Romane, dazu kommen Novellen, Theaterstücke und zuletzt auch akademische Essays.

Mit Büchern hat sie gelebt, vor ihrer Bücherwand ließ sie sich interviewen, als cooler Punk, stark geschminkt, gepierct und später auch tätowiert. Videos zeigen sie bei Lesungen, zeigen, wie aus einer unsicheren, kindhaften Frau eine souveräne, mit Ironie spielende Dichterin wurde. Die 1947 in New York geborene Tochter aus wohlhabendem jüdischen Hause hatte ihr Philologie-Studium abgebrochen, im Alter von 19 Jahren einen Kommilitonen geheiratet und war mit ihm nach San Diego gezogen, um an Creative-Writing-Kursen teilzunehmen. Einer ihrer Lehrer war David Antin, Dichter, Kunstkritiker und Performer.


Er und seine Frau Eleanor blieben neben anderen, etwa dem Konzeptkünstler Sol LeWitt, auch später in New York für Acker wichtige Bezugspersonen. Ihren ersten experimentellen Roman, „The Childlike Life of the Black Tarantula", verschickte Kathy Acker in Fortsetzungen über Eleanor Antins Postverteiler. Dieses Debüt machte die ehrgeizige Intellektuelle, die eine Weile als Stripperin ihr Geld verdient haben soll, in der New Yorker Kunstszene bekannt. In Karlsruhe hängt der Roman jetzt eins zu eins an der Wand, reproduzierte Seiten von Ackers Notebooks, handgeschrieben, durchsetzt mit Formeln, Notizen, Zeichnungen. In der Vitrine liegt eine Visitenkarte der Black Tarantula, die als Autorin des Erstlings firmiert.

Kathy Acker schuf zeitgleich mit der Künstlerin Lynn Hershman, mit der sie in Kontakt war, ihre erste Persona. Aber im Gegensatz zu Hershman wählte sie einen Namen und eine Identität, die nach Comic und Underground klang. Für diesen Text plagiierte sie aus Werken des irischen Literaturnobelpreisträgers William Butler Yeats, der Violette Leduc, die früh die Erniedrigungen beschrieb, denen Frauen ausgesetzt waren, und des Marquis de Sade. Auch soll Autobiografisches verarbeitet sein. Die Figur der schwarzen Spinne diente Acker als roter Faden des aus vielen Aneignungen und autobiografischen Versatzstücken bestehenden Texts.


Die Karlsruher Ausstellung zeigt in Farsi verfasste Gedichte, die Kathy Acker für ihr Buch „Blood and Guts in Highschool" schrieb, eine wüste erotische Fantasie, die auf dem Index für jugendgefährdende Schriften landete. Ihre Traumkarten, die ihr die Struktur für den Roman lieferten, haben Viegener und Kunstvereinschefin Anja Casser vergrößert und an die Wand gehängt. In einer Ecke können Besucherinnen Platz nehmen, in Ackers Romanen stöbern. Ein Kopierer lädt ein, sich ihre Texte anzueignen, wie auch sie sich bei anderen bedient hat.

Neben dokumentarischen Videos sind auch neue, meist feministische Arbeiten zu sehen, die sich auf Acker beziehen, etwa von Ruth Buchanan oder von Pauline Boudry und Renate Lorenz. Dokument und Neuinszenierung in einem sind die Fotografien von Kaucyilla Brooke, die nach Ackers Tod die ausgefallene Garderobe der Punk-Diva in Szene gesetzt hat.


Das für November geplante internationale Symposion ist als künstlerisches Forschungsprojekt angelegt. Zu erleben sind Dichter wie Douglas A. ­Martin, der kürzlich einen Band mit ­eigenen Texten zu Kathy Acker veröffentlicht hat, oder Johnny/Sue Golding, die mit einer philosophisch-künstlerischen Performance auftreten wird. Die Literaturwissenschaftlerin Geor­gina Colby wird über ­Kathy Ackers Schreibpraxis sprechen, der Pop-Art-Kritiker Jason McBride Ackers Kontakte zur Kunstszene analysieren.

Ausstellung und Tagung sollen einem Werk gerecht werden, das noch heute schwer zu greifen ist. Ihren prolligen Stil scheint die Dichterin nicht zuletzt als Panzer gegen jenes Establishment genutzt zu haben, das sie in seiner Verlogenheit anwiderte. Sie schrieb an gegen den sexuellen Dualismus, gegen die sich daraus ableitenden Herrschaftsverhältnisse, gegen den rücksichtslosen Umgang mit Minderheiten und gesellschaftlichen Randgruppen, aber letztendlich für eine intellektuelle Elite, die ihre Camouflage zu lesen verstand.


Bis 2. Dezember, Badischer Kunstverein Karlsruhe

Original