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Tim sollte abgetrieben werden, weil er eine Behinderung hat

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Collage: Daniela Rudolf

Tim lebt. Das sollte eigentlich nicht so sein. Tim sollte sterben und das bereits am Tag seiner Geburt. Im Sommer 1997, in der 26. Schwangerschaftswoche, entschied sich Tims Mutter für eine Abtreibung. Kurz zuvor hatte sie erfahren, dass Tim eine Behinderung haben würde. Die Diagnose: Trisomie 21. Down-Syndrom. 


Die Geburt wurde daraufhin künstlich eingeleitet. Man ging davon aus, Tim werde entweder tot zur Welt kommen oder kurz nach der Geburt sterben. Aber Tim war nicht tot und er starb auch in den darauffolgenden Stunden nicht, als man ihn ohne jede medizinische Versorgung „liegen ließ“. Zu diesem Zeitpunkt wäre jeder Eingriff der Ärzte, der Tims Leben beendet hätte, aktive Tötung und damit strafbar gewesen. Nach neun Stunden und einem Schichtwechsel entschied man sich doch, den Säugling medizinisch zu versorgen. Tim überlebte – und wurde, als der Fall der Öffentlichkeit bekannt wurde und eine Diskussion um das Thema Abtreibung und Spätabbrüche auslöste, als das „Oldenburger Baby“ bekannt.


Obwohl der Paragraf 218 im Deutschen Strafgesetzbuch, der Abtreibungen regelt, recht restriktiv ist, ermöglicht er eine relativ liberale Rechtspraxis: Schwangerschaftsabbrüche sind vor der zwölften Schwangerschaftswoche, wenn ein Beratungsgespräch wahrgenommen wurde und eine dreitägige Frist verstrichen ist, nicht legal, aber straffrei. Liegt eine „medizinische Indikation“ vor, die das Leben, die körperliche oder seelische Gesundheit der Mutter gefährden, ist eine Abtreibung auch bis unmittelbar vor der Geburt möglich. Eine vorgeburtlich diagnostizierte Behinderung des Ungeborenen gilt als eine „medizinische Indikation“.

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