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La dolce vita - Kulturschock in Italien!?

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Bevor ich nach Italien gegangen bin, hat man mir in Deutschland schon oft gesagt, ich sehe aus wie eine Südländerin und aus mehreren Urlauben kannte ich Italien auch bereits. Das heißt aber nicht zu wissen wie man in Italien wirklich lebt und welche Hürden und Notsituationen das Leben im Ausland bringen könnte.

Gleich zu Beginn meines Auslandsstudiums musste ich das erste Mal in meinem Leben bei den italienischen Carabinieri eine Anzeige erstatten. Ich wurde nämlich mehrmals verfolgt. Die Universität hat mir für die erste Woche Begleiter organisiert, damit ich mich sicherer fühlte. Dennoch hatten die Verfolgungen bereits schwerwiegende Auswirkungen auf mein Befinden. Zeitweise wurde ich aggressiv gegenüber meiner Umwelt. Ich hatte Angst, dass mir wieder jemand etwas tun will oder war enttäuscht, dass nicht jeder gleich meine Lage ernst genommen hatte. Auf der anderen Seite entwickelte ich ein großes Misstrauen gegenüber Männern. Das führte sogar so weit, dass mich ein Professor aus der Universität darauf ansprach, warum ich ihn nicht zurückgrüßte.


Mir war das sehr unangenehm und ich versuchte händeringend meine Situation zu verbessern. Nur wusste ich nicht wie. Meine Angst, hinauszugehen, wurde immer größer. Außerdem vermehrt fiel mir auf, wie mich Männer mitten auf der Straße grüßten, die ich nicht kannte. Mit den verschiedensten Mitteln versuchte ich von mir abzulenken, aber es klappte in der Regel nicht. Somit traute ich mich auch nicht zu reisen.


Ich brauchte dringend Hilfe. Ich war aber völlig überfordert damit, eine Beratungsstelle zu finden. Vor allem wäre mein Italienisch viel zu schlecht gewesen, um all meine Gefühle richtig auszudrücken. Ich war völlig verunsichert, wie ich mich verhalten sollte und suchte den Fehler vor allem bei mir selbst.


Heimweh und enttäuscht von der Heimat - ein Konfliktherd

Ein Problem hat das andere bedingt. Ich kannte niemanden vor Ort und hatte gleich zu Beginn Konflikte, bei denen ich dringend Hilfe brauchte. Ich schämte mich über meine Verfolgungsängste mit den anderen Austauschstudenten zu sprechen und war sehr traurig, dass einige Freunde aus Deutschland nicht viel Interesse an mir zeigten und mir auch nicht beistanden.


Ich bekam starkes Heimweh und sehnte mich danach, vertraute Gesichter wiederzusehen. Und nach drei Monaten in Italien vermisste ich deutsches Essen. Meine Eltern besuchten mich im Oktober, was mir ersten Aufwind gab und fragten mich, ob ich etwas brauchte. Ich wollte für Freunde, die ich bereits gefunden hatte, ein internationales Dinner machen. Daher suchte ich nach typisch deutschen Gerichten im Internet. Und bekam gleichzeitig noch viel größere Sehnsucht nach vielen Spezialitäten aus meiner Heimat in Bayern. In meinem inneren Auge stellte ich mir beispielsweise vor, wie eine Weißwurst aussieht und schmeckt. Danach hatte ich nur noch mehr Sehnsucht nach meiner Heimat in Deutschland.


Italienisch, Englisch, Deutsch - Englisch, Italienisch, Deutsch?

In meinem Sprachkurs in Bologna habe ich meine Sprachkenntnisse in Italienisch deutlich verbessert und war sehr stolz darauf. Ich konnte ohne Probleme mein Essen im Restaurant auf Italienisch bestellen und kürzere Gespräche führen. Bei meinem ersten Treffen mit Austauschstudenten wollte ich mit einer Französin auf Italienisch sprechen, aber sie antwortete mir auf Englisch. Für mich war es sehr schwer plötzlich die Sprache zu wechseln und ich stotterte die meiste Zeit vor mich hin.


Wenige Tage später beschlossen einige Austauschstudenten, dass sich alle aufEnglisch unterhalten sollen, weil sie kein Italienisch verstehen. Ich fand das sehr schade, da ich nach Italien gekommen bin, um vor allem meine Italienischkenntnisse zu verbessern.

Während meiner Kurse an der Universität verstand ich nur sehr wenig. Spätestens nach einer halben Stunde war mein Kopf so schwer und voller Informationen, die ich kaum aufnehmen konnte.


Der ständige Sprachenwechsel überforderte mich erst einmal. Während der letzten Jahre meiner Schulzeit habe ich mich mit Englisch kaum mehr beschäftigt. In Italien war ich aber das erste Mal in meinem Leben gezwungen, Englisch zu sprechen. Es machte mich extrem müde und oftmals hatte ich Angst, dass man mich und meine Sprachkenntnisse auslachen würde.


Am Ende kommt alles anders, als man denkt...

Bevor mein Auslandsstudium begonnen hatte, malte ich mir mein Jahr in Italien in meinen Träumen aus. Ich wollte mit Studenten aus den verschiedensten Ländern zusammenleben, wilde Partys feiern. Freiheit ohne Ende, niemand der mich kontrolliert.

Zu meiner Enttäuschung landete ich in einem eher steril eingerichteten Zimmer in einem italienischen Studentenwohnheim. Es war kalt wie in der Eiszeit und in der Küche lag ein undefinierbarer übler Geruch. Als dann auch noch ein schwarzes Insekt in meinem Zimmer rumgekrochen ist, war ich völlig desillusioniert.


Statt einer WG mit jungen Leuten aus den verschiedensten Teilen der Welt, teilte ich mir mit einer Italienerin ein Apartment. Leider scheiterte die Kommunikation zwischen uns sehr schnell, da sie kein Englisch sprach und ich ihr Italienisch kaum verstand.

Zwei Wochen nach dem Start meines Studiums in Italien begann es zu regnen. Italien verband ich mit Sonnenschein pur und dachte im Land meiner Träume angekommen zu sein. Stattdessen landete ich in einer der regenreichsten Städte in ganz Italien. Ganz egal, ob Morgen, Mittag, Abend oder in der Nacht. Es regnete fast immer.


Die erlösende Erkenntnis: Kulturschock!

Ich setzte mich sehr unter Druck, fragte mich was mit mir nicht stimmte. Warum hatte jeder andere Austauschstudent weniger Probleme als ich? Was stimmte nicht mit mir?

Voller Traurigkeit googelte ich, ob ich nicht vielleicht doch andere Leidensgenossen finde würde. Auf einmal stieß ich auf eine Seite einer jungen Frau, die mehrfach im Ausland arbeitete. Sie sprach von einem Kulturschock. Danach beschäftigte ich mich noch mehr mit dem Thema.


Zunächst gibt es die sogenannte „Honeymoon"- Phase nach der Ankunft. Alles ist neu und aufregend, der Alltag ist eine Herausforderung und Abenteuer zugleich. Ich erinnerte mich an meine ersten Wochen in Bologna in der Sprachschule. Ich war kaum zu bremsen, all meine Erlebnisse meinen Freunden zuhause in Deutschland zu erzählen.

Danach kam alles zusammen - ein weiterer Umzug, wieder viele neue Gesichter, eine neue Stadt, Verfolgungen, die mich verzweifeln ließen und vieles mehr. Ich suchte Halt an Freunden und Gewohnheiten aus Deutschland. Aber sie waren nicht greifbar und ich fühlte mich oft unverstanden. Die junge Frau beschrieb es als die sogenannte „Schock-Phase". Die ersten ernstzunehmenden Probleme treten auf. Aus lauter Frust ging ich wenig raus. Ich verstand viele Verhaltensweisen der Italiener nicht und irgendwann gab ich es auf, sie zu verstehen.


Viele brechen in dieser Phase ihren Auslandsaufenthalt ab, las ich. Das wollte ich auf keinen Fall und war sogar froh, dass ich noch ein weiteres Semester vor mir hatte. Schlimmer konnte es doch auch nicht mehr werden. Aufgeben wollte ich auf keinen Fall.

Ich fand mich selbst in jedem Wort wieder und in mir breitete sich eine große Erleichterung aus. Ich hatte falsche Vorstellungen von meinem Auslandsjahr in Italien. Wahrscheinlich ist es am besten, ganz ohne Vorstellungen in ein fremdes Land zu gehen, dann kann man sich auf all die Eindrücke einlassen und sich überraschen lassen.


Aus dem Tief musste es doch auch einen Tunnel nach oben geben. Die junge Frau schrieb, dass der Schock langsam abnimmt. Neue Erfahrungen lassen einen wachsen, Erfahrungen werden relativiert und langsam fallen einem interkulturelle Missverständnisse auf. Das gab mir Aufwind. Ohne es jemals für möglich zu halten, mich hatte der Kulturschock in Italien knallhart erwischt.


In meinem nächsten Bericht geht es um meine letzten Hürden und Kummer, Missverständnisse und wie ich trotzdem durchgehalten habe.
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