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Apostile

Präsident ist kein Ausbildungsberuf

In der Türkei streitet man sich derzeit darüber, ob der ehrenwerte Dr. h. c. mult. Recep Tayyip Erdoğan in Wahrheit nicht ein Möchtegern-Akademiker ist, ein falscher Dipl.-Präs., der als Hochstapler in seinem Palast den Sultan spielt.

Das wäre fatal, zumindest für Erdoğan. Die türkische Verfassung nennt zwar nur zwei Voraussetzungen, um Staatspräsident zu werden. Aber ohne Universitätsabschluss hätte Erdoğan 50 Prozent der Anforderungen nicht erfüllt. (Die zweite Hürde nimmt Erdoğan elegant – dass er über 40 Jahre alt ist, gilt unter Experten als unstreitig.)

Ebenso unstreitig ist, dass Erdoğan bereits über 40 Ehrendoktorwürden verliehen wurden. Das kümmert seine Gegner – einen Staatsanwalt im Ruhestand und den Verband der Hochschulprofessoren – allerdings wenig. Ihr Vorwurf: Das Diplom aus dem Jahr 1981, das zu Erdoğans Wahl ins Amt 2014 vorgelegt wurde, ist ungültig. Erstens sei nicht ersichtlich, dass Erdoğan sein Studium wirklich abgeschlossen habe. Zweitens sei das Institut, an dem er damals studierte, erst Jahre nach der Zeugnisausstellung Teil einer echten Universität geworden.

Man kann Erdoğan vieles vorwerfen. Menschenrechtsverletzungen, Aushöhlung der Verfassung, ein übergroßes Ego mit mimosenhaften Charakterzügen, sicher. Aber ein womöglich nicht ganz hinreichendes Zeugnis von vor 35 Jahren? Mit Verlaub, das wirkt etwas kleinlich. Natürlich wäre es eine sympathische Vorstellung, wenn Erdoğan noch ein paar Scheine nachmachen müsste: Grundlagen der Pressefreiheit, Einführung in den Humanismus, Demokratietheorie 101. Aber wer garantiert, dass er nicht »Angewandter Machiavellismus« oder »Die Medien als Machtinstrument« belegt und womöglich sogar fleißig mitschreibt? So oder so – mit ein paar zusätzlichen Semestern wäre Erdoğan nicht geholfen, seine Realität baut er sich ohnehin, wie sie ihm gefällt. Und überhaupt: Präsident ist kein Ausbildungsberuf.

Selbst in Deutschland, wo das Wort »Akademisierungswahn« entstand, braucht man (noch) keinen Abschluss für das höchste Amt im Staate. 40 Jahre alt zu sein genügt. Und wer würde behaupten, Walter Scheel, ein Banker aus Solingen, hätte nicht auch ohne Diplom unbeirrt hoch auf dem gelben Wagen gestanden? Und hat sein Jurastudium Christian Wulff vor einer gescheiterten Amtszeit bewahrt? Eben.

Auch wenn es schwerfällt, Nachsicht mit Erdoğan zu verlangen, in diesem Fall scheint sie angebracht. Im Gegenzug könnte er sich ja darauf besinnen, wofür Präsidenten gemeinhin mal da waren: repräsentieren, großväterlich Ratschläge verteilen, freundlich winken. Die Politik könnten dann in der Türkei endlich wieder die Leute machen, die dafür in den Parlamenten sitzen.