Elis Thiel

Freie Journalistin & Texterin, Project Manager, Wien

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Dorfleben mitten in der Stadt

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In der Nordbahn-Halle kann man abends auf der Rampe sitzen und sich die Sonne ins Gesicht scheinen lassen.

Neben unzähligen Neubauten hat das Nordbahnviertel einige Geheimtipps zu bieten, zum Beispiel die zentralst gelegene Gstätten Wiens. Wer die Nordbahnhalle besuchen möchte, sollte sich nicht zu lang Zeit lassen. Denn das hippe Zwischennutzungsobjekt wird bald abgerissen.

Es ist ein gedehntes, ansteigendes Trillern, das von April bis Juni aus den Schilfbecken im Bednarpark tönt und die umliegenden Wohnblöcke beschallt. "Anfangs wusste ich nicht, dass das Wechselkröten sind, denn es klingt gar nicht wie ein Quaken", sagt Gertraud Freiberger, während sie auf der Terrasse ihrer Wohnung im 10. Stock des langgezogenen Hauses an der Vorgartenstraße steht, das den Bednarpark an der Nordostseite begrenzt. Dass die geschützte Amphibie sich hier erhalten hat, ist für Artenschützer eine Sensation. Die nährstoffarmen Kiesflächen und Gleisschotter sowie die Tatsache, dass das ehemalige Bahnhofsgelände jahrzehntelang fast vollständig brach lag, haben dazu geführt, dass mehrere seltene Tier- und Pflanzenarten sich hier angesiedelt und überlebt haben. Dass im Park mit den künstlich angelegten Schilfbecken, die als Reminiszenz an die nahe gelegene Donau gedacht sind, ein weiterer idealer Lebensraum für die Kröte geschaffen wurde, war Zufall.

Der rund drei Hektar große Park bildet die "grüne Lunge" des Areals. Und zwar jener Hälfte des insgesamt 85 Hektar großen Dreiecks im zweiten Bezirk zwischen Lassalle-, Vorgarten- und Nordbahnstraße, dessen Bebauung bereits abgeschlossen ist. 8000 Menschen sind schon hergezogen, bis 2026, dem geplanten Endpunkt der Stadtentwicklung am Nordbahnhof, sollen es 20.000 sein. Gertraud Freiberger wohnt seit 2009 hier. Den Park gab es schon, rundum jedoch waren außer ein paar Rohbauten nur Schotterflächen. Lärm und Staubentwicklung habe sie unterschätzt, sagt die Verlagsmitarbeiterin, aber einem so rasend schnell entstehenden Stadtteil beim Wachsen zuzusehen, faszinierte sie dennoch. Inzwischen schätzt sie die Lebensqualität in dem verkehrsberuhigten Viertel. "Ich habe das Gefühl, ich kann hier gut atmen, obwohl ich in der Großstadt bin." In Wien könne man die Vorteile des Lebens in der Stadt mit denen des Dorflebens verbinden, "das funktioniert hier aber noch besser als anderswo, nicht zuletzt, weil es gerade entsteht. Als wir alle gleichzeitig eingezogen sind, haben wir Schachteln ausgepackt und hatten dieselben Themen. Das ist jetzt nicht mehr so, die Nachbarschaft ist jedoch geblieben."

Eine Brücke vom Wohnprojekt ins Grätzel

Eine belebte Erdgeschosszone wird man hier vergeblich suchen, Gewerbeflächen gibt es kaum. Dennoch, wer das Grätzel kennt, kommt inzwischen auch kulinarisch auf seine Kosten. Beliebt sind Ullmann's Zuckerbäckerei in der Walcherstraße und das pAn's in der Ernst-Melchior-Gasse. Eine gute Pizza bekommt man seit kurzem im La Stazione vorne an der Vorgartenstraße.

Eine spürbare Belebung erfuhr das Viertel, als vor vier Jahren das Wohnprojekt Wien am westlichen Ende des Parks einzog. Eine Gruppe engagierter Menschen verwirklichte mit dem Co-Housing-Projekt ihre Vision von gemeinschaftlichem Leben und nachhaltiger Architektur. Mit der begrünten Holzfassade ist der Bau auch optisch ein Highlight unter den umliegenden Objekten. Ein Fünftel der Hausfläche besteht aus Gemeinschaftsräumen. Im großen Veranstaltungsraum fanden schon Symposien, Konzerte und Podiumsdiskussionen statt. Vorne an der Fußgängerzone, die das Haus mit der Grünfläche verbindet, kann man im "Salon am Park" frühstücken, Bio-Eis und Fairtrade-Kaffee genießen sowie in der Greißlerei regionale und großteils biologische Schmankerln erwerben. "Wir wollten einen Ort der Kommunikation schaffen und eine Brücke von unserem Wohnprojekt ins Grätzel bauen", sagt Klaus Huhle, der im Brotberuf Schauspieler ist und den Salon in seiner Freizeit mit einer Handvoll Wohnkollegen – von der Cutterin bis zum Restaurator – gegründet hat und führt. Es scheint gelungen, denn die Kerngruppe, die sich um den Salon kümmert, ist inzwischen auf das Doppelte angewachsen um Menschen, die nicht im Wohnprojekt leben, sondern in der Nachbarschaft. Salonkollege René Tichy moderiert freitags philosophische Gesprächsabende. Man kann aber auch nur tagsüber in den Liegestühlen vor dem Lokal in der Sonne flanieren und entspannt den Nachwuchs im Auge behalten, der sich in der umliegenden autofreien Zone austobt.

Nur einen Steinwurf weiter hat sich mit dem "Burgenländer" ein weiteres Lokal angesiedelt, das auf Regionalität und Nachhaltigkeit setzt. Die Greißlerei und Heurigen-Vinothek bietet saisonales Obst und Gemüse, aber auch Spezialitäten überwiegend aus dem östlichsten Bundesland. Dazu kommen 120 burgenländische Weine und ein Mittagsbuffet. Ihre Produzenten kennt Inhaberin Nicole Helmreich alle persönlich. Beim monatlichen Burger-Heurigen gibt es etwa Steppenrind aus dem Seewinkel. Das Nordbahnhofgelände hat sich als guter Boden für ihre Idee der Greißlerei erwiesen. Denn "es ist fast wie ein Dorf in der Stadt. Ich habe viele Stammkunden – Familien mit Kindern, die es schätzen, dass zwischen den Wohnbauten Frei- und Grünräume sind." Auch habe sie das Gefühl, dass die Anzahl jener, die aus den Bundesländern zugezogen sind, höher sei als sonst in Wien "und die kennen und lieben den Greißler aus ihrer Kindheit am Land. Aber dort gibt es ihn ja heute kaum noch. Ich möchte das in der Stadt wiederbeleben." Salon-Betreiber Klaus Huhle hat eine ähnliche Wahrnehmung. Im Gründerzeitviertel, wo der geborene Dresdner vorher gewohnt hat, habe er mehr alteingesessene Wiener getroffen. "Im Nordbahnviertel gibt es keine Platzhirschen. Ich finde hier Menschen vor, die nach einer gemeinsamen neuen Zukunft suchen."  

Experimentierlabor Nordbahn-Halle

So überrascht es nicht, dass die Einladung zur Bürgerbeteiligung rege angenommen wurde, als die Stadt für die letzte Phase der Entwicklung das nicht mehr zeitgemäße städtebauliche Leitbild von 1994 zur Überarbeitung ausschrieb. Fehler der Vergangenheit sollten vermieden, das Grätzelwissen der Bewohner einbezogen werden. Das Siegerprojekt mit dem Namen "Freie Mitte – vielseitiger Rand"  von StudioVlayStreeruwitz sieht eine kranzartige Bebauung zugunsten der Erhaltung der "Stadtwildnis" in der Mitte vor. Die Grünfläche wird dreimal so groß sein wie der Bednarpark. Sechs Hochhäuser werden dafür sorgen, dass trotzdem die nötige Dichte erreicht wird. Eine Mischnutzung aus Wohnbau und Gewerbeflächen soll verhindern, dass wie vorne um den Park ein reines Wohnviertel entsteht.

Als "Paukenschlag" und "Jahrhundertchance" bezeichnet einer, der sich intensiv in den Bürgerbeteiligungsprozess eingebracht hat, dieses Leitbild: Peter Rippl von der Gruppe Lebenswerter Nordbahnhof, einem Zusammenschluss engagierter Nordbahnviertelbewohner, die sich zum Ziel gesetzt haben, ihr Grätzel aktiv mitzugestalten. "So etwas hat es in Wien noch nicht gegeben", sagt Rippl. "Das hat eingeschlagen in der Stadtplanungsszene, da hat man sich was getraut."

Zur Stadtwildnis – auf gut-wienerisch Gstätten – gelangt, wer vom Park aus der Leystraße bis ans Ende folgt. Schon so mancher Besucher war ob der Wildheit des Geländes überrascht, die man hier, wenige Minuten vom Praterstern entfernt, nicht erwartet. Zwischen üppigem Grün gibt es etwa einen verfallenen Tennisplatz zu entdecken, Schutzbiotope für Wechselkröte und Zauneidechse, und mit der alten Eisenbahnbrücke und dem backsteinernen Wasserturm zwei der wenigen noch erhaltenen Bauwerke des ab 1837 erbauten historischen Bahnhofs. Genau dort, neben dem denkmalgeschützten Turm, befindet sich einer der im Moment wohl spannendsten, aber unbekanntesten Spots in Wien: die Nordbahn-Halle.

Innerhalb weniger Monate haben Studierende der TU Wien die alte Lagerhalle in einen hippen Ort der Kommunikation und Vernetzung, ein Labor verwandelt. Im Rahmen des Forschungsprojekts "Mischung: Nordbahnhof" und Lehrveranstaltungen für angehende Architekten wurden riesige Fenster in die Backsteinwände geschnitten, eine Küche für Café- und Snackbetrieb gebaut ("Kantine"), Ausstellungsräume und ein Co-Working-Space geschaffen. Ob Schreibtisch oder Handwerk mit Lagerraum und Werkhalle, kleine Selbständige mit knappem Budget finden hier Raum für Ihre Kreativität. Damit soll das Projekt dazu beitragen, dass das ambitionierte Leitbild nun auch umgesetzt wird. Denn die Mischnutzung war schon im Leitbild von 1994 enthalten, allein, sie wurde nicht umgesetzt. Projektleiterin Silvia Forlati von der TU Wien erklärt, warum: "Zuerst wird ein Leitbild beschlossen, dann kommen die Wohnbauträger und bauen. Diesen die Verantwortung, eine lebendige Mischnutzung zu implementieren, umzuhängen, funktioniert aber nicht." Die Nordbahn-Halle soll diese Lücke füllen und den Samen ins entstehende Viertel tragen. Ein Bogenbauer, ein Startup für Plastikrecycling, eine Videokünstlerin und einige andere arbeiten bereits hier. Ziel ist, dass sie bleiben, wenn im Mai nächsten Jahres die Halle abgerissen wird und in der neu entstehenden Bruno-Marek-Allee – sie soll die "Mariahilferstraße" des Viertels werden – die ersten Erdgeschoßlokale fertig werden.

Bis dahin steht allen Besuchern ein Open Space zur freien Nutzung zur Verfügung. Ob man den Laptop einpackt und tagsüber in der großen, mit den schwarzen Stahlschienen eindrucksvoll designten Halle temporär sein Büro aufschlägt oder sich abends auf der Rampe an der Westseite die sinkende Sonne ins Gesicht scheinen lässt – Wien oder doch New York? Nur bald muss man es tun. Denn im Mai kommen die Bagger und bauen die Umkehrschleife für die Verlängerung des O-Wagens, der die neuen Bewohner zum Praterstern bringen wird.

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