Dirk Kunde

Technologie-Journalist, Hamburg

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Bürgerwerke: Stromanbieter in Bürgerhand

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Die Bürgerwerke bündeln Genossenschaftsprojekte für grünen Strom

Die Bürgerwerke bündeln 75 Genossenschaften, in denen Bürger in Eigenregie Strom aus Wind, Wasser und Sonne erzeugen. Bei der Idee kann jeder mitmachen.

Photovoltaik-Anlage versorgt 950 Haushalte

Wer über die A6 von Sinsheim nach Heilbronn fährt, kann die Photovoltaik-Anlage nur schwer erkennen. Die 11.000 Module verbergen sich hinter dem Lärmschutzwall sowie auf einem Hügel. Unter dem liegt eine ehemalige Erddeponie, so dass hier keine Landwirtschaft möglich ist. Die Solaranlage Kirchhardt versorgt 950 Haushalte mit jährlich drei Millionen Kilowattstunden Strom. Das sind nicht nur Haushalte in Baden-Württemberg, sondern in ganz Deutschland. Die Betreibergenossenschaft EnerGeno Heilbronn-Franken verkauft den Sonnenstrom bundesweit über die Bürgerwerke. Sie ist quasi die Dachorganisation der Energiegenossenschaften in Deutschland. „Im Jahr 2015 lagen bereits 47 Prozent der Kapazität aus erneuerbaren Energien in Bürgerhand", sagt Kai Hock. Der 35-jährige ist einer von zwei Vorständen der Bürgerwerke in Heidelberg. Sie sorgen dafür, dass der Strom aus Bürgerhand Abnehmer findet.

47 Prozent der Kapazität aus erneuerbaren Energien stammt aus Bürgergenossenschaften.

Ein Preisvergleich mit einer Adresse in Stuttgart zeigt, dass die Bürgerwerke mit 26,5 Cent pro Kilowattstunde und 8,90 Euro Grundpreis zwar nicht die günstigsten Ökostrom-Anbieter sind, aber durchaus mithalten können. Für ihr Angebot als Stromanbieter spricht die monatliche Kündigungsfrist und der Verzicht auf eine Mindestlaufzeit. „Außerdem hat man bei uns die Gewissheit, dass der Strom tatsächlich zu 100 Prozent Ökostrom ist", sagt Hock, der kürzlich den Engagementpreis von Bundesfamilienministerin Katarina Barley für die Arbeit der Bürgerwerke überreicht bekam. Im Heidelberger Büro hängen etliche Auszeichnungen wie der Solar- und der Nachhaltigkeitspreis sowie der Next Economy Award. Neben dem guten Gefühl geht es Hock und seinen Mitstreitern um Wachstum. Die Bürgerwerke sollen bekannter werden und so mehr Bürgerstrom verkaufen. Dabei kann sich die Bilanz bereits sehen lassen. Die Redaktion der „Gründerszene" führt die Bürgerwerke auf Platz 8 in ihrem Wachstumsranking für Digitalunternehmen.

Geld über Crowdfunding einsammeln

Von anfänglich neun Mitgliedsgenossenschaften sind die Bürgerwerke in vier Jahren auf 75 Genossenschaften gewachsen. Dahinter stehen 12.000 Mitglieder. Hock schätzt das Potenzial auf 160 Genossenschaften bis 2021. Bis dahin soll der Umsatz jenseits der 20 Millionen Euro-Marke liegen. Aktuell beträgt er rund vier Millionen Euro. Der größte Teil stammt aus dem Stromverkauf. Die Bürgerwerke vermitteln Elektroautos zu vergünstigten Konditionen. Hock denkt über das Aufstellen von Ladesäulen in ländlichen Gebieten nach. Das wäre ein weiterer Vertriebsweg für den Ökostrom. In den Verkauf von Biogas will man ebenfalls einsteigen.

Die Kosten für die umgerechnet acht Vollzeitstellen als auch die Betriebskosten werden bereits aus den Einnahmen gedeckt. Doch für die Wachstumspläne reichen die Geldmittel nicht aus. „Wir müssen unsere weitere Entwicklung auf breitere Beine stellen", sagt Hock. Auch hierbei sollen Bürger helfen - über Crowdfunding. Auf der Crowdfunding-Plattform Wiwin.de, die auf Nachhaltigkeitsprojekte spezialisiert ist, sammelten die Bürgerwerke vor Weihnachten von rund 150 Investoren eine halbe Million Euro ein. Dabei werden die Geldgeber nicht Anteilseigner der Bürgerwerke, sondern gewähren einen Kredit. Sie erhalten dafür über fünf Jahre 5,25 Prozent Zinsen. In der aktuellen Finanzlage ist das durchaus attraktiv. Mit dem Geld aus dem Crowdfunding wollen die Bürgerwerke ihr Angebot bekannter machen - nicht nur bei Stromkunden, sondern auch bei weiteren Genossenschaften. Schließlich tummeln sich bundesweit rund 1000 Genossenschaften auf dem Markt der erneuerbaren Energien.

Vom Studenten zum Stromanbieter

Hock und sein Vorstandskollege, Felix Schäfer, sind Überzeugungsstäter. Sie stiegen während ihres Studiums der Uni Heidelberg aufs Dach und installierten Solarzellen. 2010 entstand daraus die Heidelberger Energiegenossenschaft. „Uns wurde bewusst, dass diese Bürgerbewegung etwas Großes werden kann", erzählt Hock. Mit den Studienabschlüssen in der Tasche gründeten sie gemeinsam mit acht weiteren Genossenschaften 2013 die Bürgerwerke - und waren damit plötzlich Stromanbieter. Genau wie ihre Dachorganisation wachsen auch die Mitglieds-Genossenschaften. Die Solaranlage Kirchhardt an der A6 war 2015 das erste Projekt der EnerGeno. Inzwischen betreibt die Genossenschaft mit 720 Mitgliedern insgesamt 16 Photovoltaik-Standorte mit einer Nennleistung von insgesamt 14.000 kwp (Kilowatt Peak). So entsteht immer mehr Ökostrom. Die Bürgerwerke wollen 2018 rund 30 Millionen Kilowattstunden verkaufen. Genug, um 30.000 Drei-Personen-Haushalte ein komplettes Jahr mit Strom zu versorgen.

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