Dietmar Braun

Fachjournalist, Hochschuldozent, Heilbronn

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Aufzug als Fahrstuhl in die Zukunft

Dorothee baer pb 1025 foto toko
Der Aufzug ist nicht mehr der alte Fahrstuhl an Stahlseilen und Winden. Der moderne Aufzug hängt an einem Gurt und im Internet. Mit der Digitalisierung geht es aufwärts und im Datenschutz abwärts.


(db) Auf der Fachkonferenz E2 für Aufzüge (Elevator) und Fahrtreppen oder Fahrsteige (Escelator) am 18. und 19. September 2018 in Frankfurt am Main zeigten Experten des wie Digitalisierung und Telematik die Rollen von Transportmitteln in und um Gebäude hin zum Sammeln von technischen und personenbezogenen Daten wandeln.


„Wir wollen nicht mehr nur rauf und runter", sagt Meinolf Pohle, Deutschland-Chef von Schindler.


Die Schindler Aufzüge AG aus der Schweiz zählt neben OTIS Elevator Company aus den USA, der aus Finnland und Thyssen-Krupp AG aus Deutschland zu den vier Marktführern der Aufzug-Branche. Die Marktführer im Maschinen- und Anlagenbau in und um Gebäude definieren mit ihrer Finanzkraft die technische Entwicklung. Die Marktführer für Transport in den Gebäuden sammeln neben den technischen Daten, auch die Daten der Nutzer, die Digitalisierung ermöglicht dies.


Wenn Pohle sagt, dass es nicht mehr allein um das Auf und Ab gehe, sondern um einer Vernetzung der Logistik, um „intelligent von A nach B zu kommen", dem würden Mitbewerber wohl zustimmen. Jeder dieser Anbieter nutzt zukünftig die Digitalisierung von Aufzügen und Rolltreppen in Gebäuden anders. Es stehe nicht nur der Transport von Menschen im Fokus, sondern vor allem die Gewinnung und Verwendung der Daten.


Hauptstadt als Versuchslabor

Die Schweizer von Schindler investieren gerade am Standort Berlin mehr als 50 Millionen Euro. 4.000 Beschäftigte arbeiten hier, in den letzten fünf Jahren sind 1.000 neue hinzugekommen. Deutschland, die zweitgrößte Landesgesellschaft, wachse zweistellig und deutlicher als der Markt in China, der 60 Prozent des globalen Markts für Aufzüge und Fahrtreppen ausmacht.


Schindler erzielt global einen Jahresumsatz von zehn Milliarden Franken. Das digitale Herz des Unternehmens schlägt in Berlin, von hier kommen die Neuentwicklungen. Der Konzern hat General Electric aus Amerika und aus China als technologische Partner gewonnen.

Gemeinsam sammeln alle mittels Sensoren in den Aufzügen Daten, analysieren diese und verschaffen sich so Mehrwerte für die Überwachung und Wartung ihrer Anlagen. Jede Bewegung, Vibration, Temperatur oder akustische Auffälligkeit wird gemessen und in Echtzeit ausgewertet. Auch die anfallenden Daten der Nutzer sind ein geldwerter Zusatzgewinn.


Big Brother im Aufzug

Der Mitbewerber Kone arbeitet auf diesem Feld mit dem Konzern IBM und dessen Großrechner Watson zusammen, ein klarer Hinweis auf den Megatrend, dass Big Data, Künstliche Intelligenz und Aufzugbau mittlerweile zusammengehören.


Bei OTIS, global gesehen die Nummer eins, ist ein Teil von United Technologies, ein Konzernverbund der vieles mit Bordmitteln vorantreiben kann. OTIS nutzt eine Cloud von , spricht mit über neue Geschäftsmodelle und hat als Partner für Telekommunikation.


„Auf der Otis-Plattform finden Hersteller, Gebäudebetreiber und Service-Techniker zusammen. Mängel können sofort und online behoben werden, es sei denn sie sind mechanischer Art. Das gelte sogar für die Befreiung feststeckender Passagiere", so OTIS Deutschland-Chef Udo Hoffmann.


In Berlin ist eines von zehn Entwicklungs- und Testzentren von OTIS mit 1.000 Mitarbeitern. Es habe schon einige Umwälzungen in seiner Branche gegeben, so Hoffmann im E2-Forum. Eine mechanische sei der Ersatz des Tragseils durch Gurte gewesen. Die Einsparung an Energie im Betrieb habe rasante Fortschritte gemacht. So verbrauche ein optimierter Aufzug von Otis nicht mehr Strom als eine Mikrowelle.


Aufzug als Pulsschlag in Gebäuden

Die Digitalisierung hat eine neue Dimension in der Welt der Aufzüge und Rolltreppen. Die Wartung einer Anlage per Smartphone oder von einem Tausende Kilometer entfernten Ort ist inzwischen Standard. Die Frage ist, was neben den technischen Möglichkeiten noch alles gemacht wird.


„Heute denke man bei Aufzügen an ein isoliertes Gebäude. Zukünftig gehe es darum, die Anlagen mit dem Verkehr außerhalb des Gebäudes zu vernetzen, mit Fahrdiensten, Fluggesellschaften, Bussen und Bahnen. Wer als Anbieter wisse, wie viele Menschen sich demnächst wo bewegen, der könne den Betrieb von Aufzügen effektiver organisieren", so Experte Hoffmann.


Personalisierte Angebote im Aufzug

Der Aufzug selbst werde sich so verändern, wie die Telematik und Digitalisierung das Kraftfahrzeug verändert habe. Die ersten digitalisierten Fahrzeuge hätten am Anfang nur einen Sensor gehabt und seien heute ein Computer auf Rädern. Aufzüge werden so gesehen zu Computern an Gurten.


„Wir bewegen uns weg vom reinen Maschinenbau hin zum Digitalunternehmen", sagt Sascha Seiß, Leiter des Geschäftsbereichs Modernisierung bei Kone in Hannover.


Der Manager spricht von Türen-Management, Einlass- und Zugangskontrollen. Die Nutzer von Aufzügen werden sich künftig automatisch über ihr Smartphone per WLAN mit dem Aufzug verbinden, sofort geöffnete Haus- und Wohnungstüren vorfinden und ohne weiteres Zutun in die richtige Etage gebracht werden. Meinolf Pohle von Schindler skizziert hingegen Aufzüge mit Bildschirmen, auf denen Nachbarn inserieren oder Geschäfte Sonderangebote anpreisen. Werbung könnte den Betreibern der Gebäude bei der Refinanzierung einer Anlage helfen.


Aufzüge in klugen Gebäuden

Was die Welt der Dinge in privaten Gebäuden verändert ist bekannt. Das vernetzte Eigenheim ist aber bescheiden zu der rasanten Entwicklung in öffentlichen Gebäuden und gewerblichen Gebäuden vom Hotel bis zum Firmengebäude. Zur Zusammenarbeit mit Amazon, Google, Facebook und Microsoft äußerten sich die Maschinen- und Anlagenbauer offen.


„Auf ihrem Level werden alle Digitalisierungslösungen anbieten", sagt OTIS-Manager Hoffmann.


Es gelte in die Richtung der Giganten unter den Datenverwertern zu denken und die Infrastruktur anzupassen. Die können keine Aufzüge bauen, aber aus Daten Geschäfte zu machen ist ihre Kernkompetenz. Vom Geschäft mit den Daten der Nutzer wolle die Aufzugs-Branche profitieren.


Fazit von Finanz- und Geldwissen

Neben dem technischen Fortschritt gibt es Risiken der Digitalisierung, vor allem aus der Cyber-Welt. Es geht aufwärts, aber es kann mit dem Aufzug auch für Nutzer überraschend rasant abwärts gehen.


Dietmar Braun (db finanzwelt)

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