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Lehrer-Vorbilder gesucht

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Wer Lehrer werden will, muss an die Uni und eine akademisch Ausbildung durchlaufen, die allzu oft langweilig, dröge und vor allem sehr theoretisch ist. Mit dem Lehreralltag kommen die Studierenden nur wenig in Berührung. Oft brechen Studierende das praxisferne Studium ab, oder kehren nach dem Referendariat direkt zurück an die Universität, weil der Beruf so ganz anders ist als sie sich ihn vorgestellt haben. „Wir haben beobachtet, dass sehr oft Kommilitonen das Studium abgebrochen haben, von denen wir uns sehr gut vorstellen konnten, dass sie richtig coole Lehrer hätten werden können. Das fanden wir traurig", sagt Marie Rüdiger. Gemeinsam mit zwei weiteren Pädagoginnen gründete sie „Tafelhelden", ein Mentoringprogramm für angehende Lehrer. Das Team der Tafelhelden ist der Auffassung, dass durch die mangelnde praktische Erfahrung im Studium so große Erwartungen und Ängste aufgebaut werden, dass der Kontakt mit Schule und Schülern viele Studierende komplett verunsichert. Zudem hätten viele durch die praxisferne universitäre Ausbildung unrealistisch hohe Ansprüche an sich selbst. In diesem Falle seien ernüchternde und enttäuschende Erfahrungen im Schulalltag quasi vorprogrammiert. In der Folge halten sich die Studierenden als Lehrkräfte für ungeeignet und suchen sich anderswo Arbeit. Mit problematischen Folgen: In Berlin herrscht Lehrermangel. „Oft heißt es ja, entweder ist man für den Lehrerberuf gemacht oder eben nicht. Aus meiner Sicht sind die wenigsten für diesen Beruf geboren, sondern es gibt vielmehr eine ziemliche Spannbreite: Leute, die absolut das Zeug dazu haben, aber durch das theoretische Studium Frust verspüren; Leute, die unbedingt Lehrer werden wollen, denen aber noch das handwerkliche Geschick dafür fehlt. All diese Menschen sind unsere Zielgruppe", sagt Rüdiger.

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Realistischer Blick auf das Lehrer-Leben

Durch „Tafelhelden" bekommen Studierende in den ersten Semestern einen berufstätigen Lehrer als Mentor an ihrer Seite, den sie im Unterricht begleiten. „Wir nennen das eine individuelle Lernbeziehung", sagt Rüdiger. Ein Mentor betreut jeweils einen Studierenden. Anders als in einem der sonst üblichen Schulpraktika, treffen sich die beiden Tandempartner über mindestens sechs Monate hinweg, oft einmal in der Woche. „Uns geht es darum, dass Studierende einen realistischen und ganzheitlichen Einblick bekommen, was der Job Lehrer bedeutet", beschreibt Rüdiger das Ziel des Mentorings. Dazu gehört neben Planung und Durchführung des Unterrichts auch Elternarbeit, Unterrichtsausflüge, konzeptionelle Arbeit an Lehrplänen, produktive Zusammenarbeit mit dem Kollegium, Integrationsarbeit und auch Kommunikation in Konfliktsituationen. „Diese ganzen praxisnahen Kompetenzen, die so dringend benötigt werden, sind viel zu wenig Thema während der akademischen Ausbildung. Diese große Lücke wollen wir füllen", sagt Rüdiger. Während der sechs Monate des Programms können die Studierenden ein Gespür dafür bekommen, was sie bereits gut und was sie weniger gut können, um die verbleibenden Studienzeit zu nutzen, Defizite abzubauen. Viele dieser Themen werden auch in speziellen Workshops behandelt, die die Tafelhelden neben dem Mentoringprogramm anbieten. Die Tandembeziehung ermöglicht neben den professionellen Gesprächen auch Fragen persönlicher Natur etwa zu Familienplanung, Weiterbildungen und Referendariat zu stellen. Die Nachfrage nach dem Programm ist groß: „Viele Studierende sagen uns, sie würden gerne teilnehmen, damit sie wieder wissen warum sie das eigentlich studieren", sagt Rüdiger. Deswegen sind die Tafelhelden auf der Suche nach weiteren berufstätigen Lehrern, die als Mentoren ihre Erfahrung weiter geben möchten. Ziel ist es, so Rüdiger, eine möglichst diverse Mentorenschaft aufzubauen, bestehend aus Frauen und Männer von allen möglichen Schultypen wie Grundschule, Gymnasium, Hauptschule bis hin zur Berufsschule.

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Mentoren profitieren von der Unterstützung im Unterricht

Die Mentoren arbeiten ehrenamtlich, doch der Mehraufwand durch die Betreuung der Studierenden kann sich auch ohne Entgelt für die Lehrer durchaus lohnen. „Wir bekommen regelmäßig das Feedback, dass die teilnehmenden Lehrer durch die Anwesenheit und Unterstützung einer zweiten Person im Klassenraum absolut profitieren", sagt Rüdiger. Der Studierende kann helfen, einzelne Schüler intensiver zu betreuen. Doch was, wenn jemand nach der Teilnahme am Programm das Studium abricht? „Ich glaube, auch das ist positiv zu werten", meint Marie Rüdiger. „Wenn jemand nicht für den Beruf gemacht ist, sollte man das nicht erst merken, wenn man die komplette Ausbildung hinter sich hat."

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