Claudia Kohler

Journalistin, Neustadt an der Weinstr.

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Interview

»Jeder hat etwas, das ihn trägt«

Autorin Corinna Kohröde-Warnken über Transformation in schwerer Krankheit: 

 

In Corinna Kohröde-Warnkens erstem Buch geht es um ihren eigenen Lebensweg mit einer schweren Krebserkrankung. Jetzt erschien ihr zweites Buch »Im Wartezimmer der Hoffnung«. Es erzählt ebenfalls von Menschen mit schweren Krankheiten. Von Leiden, die ein ganzes Leben einnehmen und fortreißen können. Und vom lebensbejahenden Umgang mit diesem Schicksal. Feinfühlig stellt die Autorin sich und ihren »Erzählern« Fragen, die an Kerne des menschlichen Seins rühren. Im Interview verrät sie, warum am Ende ein vielzitiertes Bibelwort die Quintessenz der Antworten war.


 

In ihrem Buch lernt man viele faszinierende »Geschichtenerzähler« kennen. Wer hat Sie am meisten bewegt?

Alle. Ich habe bei jedem Gespräch gedacht: »Wow das ist jetzt die Geschichte«. Es sind auch immer Tränen geflossen, meist auf beiden Seiten. Im Moment denke ich viel über die Frau nach, die ich im Buch »Hannah« nenne. Ich bin zu der Premiere eines Theaterstücks eingeladen, das sie inszeniert hat.

 

Was ist Hannahs Geschichte?

Hannah hat vor über 25 Jahren die Diagnose »fokale Epilepsie« erhalten. Diese äußert sich in Anfällen, manche kurz und mit einfachen Symptomen, manche komplex und mit Bewusstseins- und Erinnerungsverlust. 

 

Wie empfindet man im Angesicht einer solchen Diagnose?

Am schlimmsten ist das Gefühl von Kontrollverlust und Hilflosigkeit. Plötzlich macht der eigene Körper einfach, was er will. Man muss sich in die Hände von Ärzten und Kliniken geben und die Kontrolle abtreten. Der Verlust der Gesundheit ist hier ganz ähnlich wie der Verlust eines geliebten Menschen: Man verliert etwas, dass man bisher für selbstverständlich gehalten hat und kann selbst nichts dagegen tun. Man hat Trauer in sich.

 

Für Angehörige, Freunde und sogar Ärzten sind diese individuellen Phasen der Trauer schwer auszuhalten. Wieso?

Statt die Trauer anzuerkennen, wird heute viel zu schnell von Depression gesprochen. Das ist in gewissem Sinne leichter, denn Despression ist ein Krankheitsbild, das behandelt werden kann. Gegen Trauer gibt es kein Mittel, Trauer ist keine Krankheit. Sie ist völlig normal, ja sogar ein extrem wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung. Wenn jemand nach einer lebensbedrohlichen Diagnose tagelang nur weint, dann tut er oder sie das zurecht. Ich denke wir haben verlernt, solche Gefühle zu akzeptieren.

 

Ist das der einzige Punkt, an dem schwer kranke Menschen mit den Ansprüchen der Gesellschaft in Konflikt geraten?

Nein, absolut nicht. Eine chronische Krankheit hat neben körperlichen und psychischen auch soziale, rechtliche und wirtschaftliche Folgen. Oft bricht die ganze Existenz zusammen, Familie, Arbeit und Freizeit. Das verhindert aber keinesfalls, dass die Kranken mit dem Leistungsgedanken der heutigen Zeit konfrontiert werden. Wenn eine Therapie nicht klappt, bekommt man zu hören: »Du musst positiver denken, dann klappt das schon.« Wenn Hannah trotz ihrer Medikamente einen Anfall bekam, wurde ihr gesagt: »Du hast eben zu viel Stress, das musst du nur vermeiden.« All diese wohlgemeinten Sprüche implizieren letztendlich, dass man selbst schuld ist, wenn etwas nicht funktioniert. 

 

Wie wehrt man sich gegen dieses Denken?

Letztendlich ist das nur die verzweifelte Suche nach Erklärungsmodellen, nach dem Motto: »Wenn ich dieses und jenes tue oder lasse, kann mir nichts passieren.« Und natürlich gibt es Dinge, die der Gesundheit schaden und solche, die sie unterstützen. Aber das sind nie die einzigen Faktoren bei lebensbedrohlichen Krankheiten. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, die Willkür dabei zu akzeptieren. Die Frage »Warum gerade ich?« habe ich mir schon lange verboten. Es ist befreiend, sich selbst von der Schuld loszusprechen, zu sagen: »Ich habe nichts falsch gemacht und ich werde für nichts bestraft.«

 

Hilft das Gespräch mit Menschen, denen man (noch) nicht so nahe steht?

Meine »Erzählern« haben mir oft gesagt, dass es ihnen gut getan hat, mit mir zu reden: Jemand, der weiß, was man durch macht, aber selbst nicht direkt betroffen ist. Ich persönlich habe mit einer Therapie sehr gute Erfahrungen gemacht. Dort kann man berichten, wie es einem wirklich geht, was einen beschäftigt und Angst macht. Außerdem hilft es, die Dinge laut auszusprechen, so werden sie greifbarer, realer. Das würde man Freunden und Angehörigen nicht zumuten.

 

Warum  nicht?

Weil man sie beschützen möchte, sie sind ja ohnehin schon so emotional verwickelt. Man will stark für sie sein und möglichst viel von ihnen fern halten. 

 

Wie schaffen es Menschen, trotz dieser vielen Übel nicht zu verzweifeln?

Jeder meiner »Erzähler« hatte Menschen, Dinge oder Gefühle, die ihn getragen haben. Einer fand Kraft, wenn er sich in die Natur versunken hat. Hannah ist nicht verzweifelt, weil sie ihre Krankheit als Teil ihrer selbst akzeptieren konnte. Und obwohl sie alle so verschieden sind und auch viele unterschiedliche Begriffe gewählt haben, taten sich doch durchgängig und unbewusst Ähnlichkeiten auf. Um die Quintessenz für mich in Worte fassen zu können, habe ich zwei sehr verschiedene Quellen miteinander verwoben.

 

 

Wissenschaft und christlicher Glaube?

Genau. Zum einen ist da Aaron Antonovskys Modell der Salutogenes. Der bekannte Mediziner ermittelt drei Säulen, auf denen die Erhaltung der menschlichen Gesundheit beruht: Handhabbarkeit, Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit. Diese Faktoren klangen in allen Geschichten  in unterschiedlichen Gestalten an. Handhabbarkeit meint etwa den wichtigen Schritt, die Krankheit nicht als allumfassendes Übel, sondern als weitere Schwierigkeit des Lebens zu sehen, welche man durchaus meistern kann. So bekommt man einen Teil der  verlorenen Kontrolle zurück. Das war zum Beispiel für Hannah besonders wichtig. Für mich war die Verstehbarkeit eine große Hilfe. Ich habe viel recherchiert und mich weitergebildet, um die Vorgänge in meinem Körper  nachvollziehen zu können.

 

Aus welcher Glaubensquelle haben sie geschöpft?

Als bekennende Christin habe ich in allen Erzählungen und natürlich in meinem eigenen Leben das Wirken der drei göttlichen Tugenden aus dem ersten Korintherbrief gefunden: Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Hoffnung steht in direkter Verbindung damit, was Antonovsky »Sinnhaftigkeit« nennt. Es die Fähigkeit, im Kämpfen, in den Schmerzen und auch im Leben mit der Krankheit einen Sinn zu finden. Jeder meiner »Protagonisten« hat etwas, dass ihn auf diese Weise motiviert. Glaube war für mich wichtig, um mein neues Leben zu akzeptieren. Akzeptanz ist mehr als positives Denken. Es bedeutet, man nimmt sein Schicksal an, möchte es fühlen, bewegen, steuern. Wie hilfreich ist es da, dass Gott immer dabei ist – egal, auf welchen Weg ich mich schließlich begebe.

 

Wenn man diese Quintessenz verinnerlicht, was kann dann geschehen?

Die Menschen in meinem Buch und auch ich haben es letztendlich geschafft, aus dem Leben mit Krankheit etwas Gutes zu machen. Das ist nicht leicht, jede Veränderung fühlt sich ja zunächst negativ an. Doch ich mache heute wegen meiner Krankheit genau das, was ich schon immer tun wollte. Ein Kreuz kann also verwandelt werden, aus Scheitern und Verzweifeln kann ein Neuanfang entstehen.  

  

Interview: Claudia Kohler

 

Lesetipp

Corinna Kohröde-Warnken: Im Wartezimmer der Hoffnung. Geschichten vom lebensbejahenden Umgang mit chronischen Krankheiten. Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2017.