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Leben im Kommunismus 4.0 - Supernova

Internet, Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz, Robotik und Big Data verändern die gesamte Gesellschaft von Grund auf. Dies trifft vor allem auf die Arbeitswelt zu. Doch deren Veränderung ist ambivalent. Die Janusköpfigkeit der Automatisierung von Tätigkeiten und Arbeitsprozessen äußert sich zum einen in der Begeisterung all jener, die davon ausgehen, dass nun Maschinen alle unliebsamen Arbeiten erledigen und die Menschheit Zeit für Muße und Kreativität haben wird. Die anderen haben Angst davor, dass Industrie 4.0 für eine Arbeitslosigkeit unbekannten Ausmaßes sorgen wird, da die Maschinen den Menschen die Arbeit wegnehmen

Der Mensch als bessere Maschine?

Das Mensch-Maschine-Verhältnis ist seit jeher schwierig. Mit Beginn des Kapitalismus konkurrieren Mensch und Maschine miteinander - gerade im Segment einfacher Tätigkeiten waren und sind Maschinen häufig billiger und besser: erst der Webstuhl, dann die Dampfmaschine, heute die automatische Kasse.

Neu ist jedoch, dass auch scheinbar die Jobs der Mittel- und Oberklasse bedroht sind. Maschinen können Probleme entdecken und selbstständig lösen. Der lernende und reflektierende Mensch als „Krone der Schöpfung" steht infrage.

Menschen bleiben die zentrale Instanz, wenn es um gesellschaftliche Entwicklungen geht - und diese müssen lernen, mit der Technik umzugehen.

Doch wenn wir aktuell darüber diskutieren, dass ein Computer einen der weltbesten Go-Spieler schlagen kann, vergessen wir, dass Maschinen nicht einfach ticken wie Menschen. Die Technik selbst hat keine Ahnung vom Spiel, sie befolgt lediglich Regeln. Werden diese geändert, können sich Menschen darauf einstellen - ein programmierter Super-Computer sieht dann auf einmal ganz schön alt aus.

Menschen bleiben die zentrale Instanz, wenn es um gesellschaftliche Entwicklungen geht - und diese müssen lernen, mit der Technik umzugehen. Was in diesen Diskussionen häufig zu kurz kommt: Technologie allein is not a thing. Sie ist keine Sache, sondern eine soziale Beziehung - es geht also nicht um die Verdinglichung der Technik in Form eines Computer oder eines 3D-Druckers, sondern um die Produktionsverhältnisse, unter denen sie entwickelt worden sind und aus denen sie auch wieder ausgewickelt werden können. Das Fließband ist entstanden, als es darum ging, verschiedene kleine Arbeitsschritte möglichst effizient zu gestalten. Dies wird es auch immer bleiben. Algorithmen hin doch können so umprogrammiert werden, dass sie emanzipatorisch genutzt werden könnten.

Die Befreiung der Maschine...

Ziel ist also die Befreiung der Maschinen von der kapitalistischen Verwertungslogik. Es geht nicht nur darum, Roboter einzusetzen, die uns alle unliebsamen Arbeiten abnehmen würden, man muss sich auch die Frage stellen, wem diese gehören und in welcher Gesellschaft sie zu welchem Zweck eingesetzt werden. Allein durch Automatisierung und Digitalisierung wird der Kapitalismus nicht überwunden werden. Hierfür muss die Eigentumsfrage gestellt und eine antikapitalistische Perspektive entwickelt werden.

Erste Versuche in diese Richtung gab es bereits 1971, in der Frühgeschichte des Computers und vor der Existenz des Internet. Der Brite Anthony Beer entwickelte zusammen mit dem Philosophen Fernando Flores für das sozialistische Chile, in dem gerade Salvador Allende Präsident geworden war, das Cybersyn-Projekt. Ziel war es, für staatliche Betriebe eine Planwirtschaft auf der Grundlage eines Computerprogramms aufzubauen. Wirtschaftliche Prozesse sollten in Echtzeit durch Computer und ein Fernschreiber-Netzwerk gesteuert und von einer Kommandozentrale kontrolliert werden. Das aus heutiger Sicht primitive System wurde nie beendet, da Allende bei einem Militärputsch um Lebens kam. Cybersyn wurde begraben, der Kontrollraum zerstört.

...um die Menschen vom Kapitalismus zu befreien

Die fortschreitende Digitalisierung bietet nun vielleicht die Möglichkeit, an diese Ideen anzuschließen und die kapitalistische Wirtschaftsweise durch etwas Vernünftiges zu ersetzen - eine flexible und demokratisch kontrollierte Planwirtschaft, die stets aktuell Nachfrage und Angebot abgleicht, und die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellt und nicht den Profit. Eine Art selbstorganisiertes und dezentrales kybernetisches System: der Cyber-Kommunismus.

Kommunistische Konzepte der digitalen wirtschaftlichen Steuerung kommen in aktuellen Diskussionen wieder zu neuer Ehre. In London hat sich die Gruppe „Fully Automated Luxury Communism" gegründet, die einen Luxus-Kommunismus und Wohlstand für Alle fordert. Mit Postcapitalism von Paul Mason und Inventing the Future von Nick Srnicek und Alex Williams sind aktuell zwei Werke erschienen, die die Vision einer postkapitalistischen digitalen Welt entwerfen. Technisch scheint es möglich zu sein, über die Vernetzung von allem und jedem, über das Internet der Dinge und über intelligente Systeme länderübergreifend optimale Produktionsplanung zu ermöglichen.

Die Technik alleine macht dabei nichts. Sie ist nicht gut oder böse und steht einer gerechten Gesellschaft entgegen

Wenn dann auch noch die Forderung des alten, analogen Kommunismus erfüllt wäre, nämlich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, könnten diese Netzwerke die Versorgung der Menschen sicherstellen. Das könnte eine gerechte Gesellschaft begründen, in der die zunehmende Automatisierung nicht mehr zu Angst vor Arbeitslosigkeit und zu weiterer sozialer Spaltung führt - sondern durch Arbeitszeitverkürzung zu mehr Zeit und vielfältigen Entfaltungsmöglichkeiten für alle.

Die Technik alleine macht dabei nichts. Sie ist nicht gut oder böse und steht einer gerechten Gesellschaft entgegen - sondern es sind die derzeitigen kapitalistischen Verhältnisse. Gegen die gilt es aktiv zu werden und Technik dort zu nutzen, wo es möglich ist. Im Kleinen gibt es die Möglichkeit, persönliche Sabotageakte durchzuführen, Algorithmen zu programmieren, die andere kaputt machen, Gesichtserkennungen zu überlisten, falsche Daten anzugeben oder das Hacken oder Lahmlegen von Konzern-Seiten. All dies wird aber nicht reichen. Es bedarf einer grundlegenden Alternative, wie wir mit Technik umgehen - und sie zu nutzen jenseits der Logik von Kapital und Verwertung.

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