4 Abos und 2 Abonnenten
Artikel

Mythos oder Realität: Über die Ambivalenz des Fachkräftemangels

Viele Unternehmen beklagen einen Mangel an Fachkräften in der klinischen Forschung. Geeignetes Personal für klinische Studien zu finden, scheint immer schwieriger zu werden. Auch Kliniken berichten, dass die Rekrutierung von Fachkräften für klinische Forschung problematisch geworden ist. Wohin führt diese Entwicklung? Worauf muss sich die Forschung einstellen? Und wie kann es gelingen, den Fachkräftemangel zu bewältigen?

„Wenn klinische Studien aufgrund des Fachkräftemangels nur noch unter erschwerten Bedingungen in Deutschland durchgeführt werden können, dann wird die Innovationskraft der Gesundheitsbranche hierzulande erheblich geschwächt“, warnt Dr. Matthias Schier, Geschäftsführer des Vereins Forum MedTech Pharma e.V. in Nürnberg. Gleichermaßen führe dies zu Einbußen der Wirtschaftskraft und zur Schwächung der wissenschaftlichen Reputation. „Innerhalb der klinischen Forschung führt der Fachkräftemangel zu Überlastung, Motivationsverlust und zu geringerer Qualität bei der Durchführung und Dokumentation klinischer Studienprojekte“, erklärt Schier, der hierzu aus dem vereinseigenen Netzwerk, das über 7.000 Unternehmen, Institute und Kliniken aus Deutschland und Europa umfasst, schon vielfältige Berichte erhalten hat.

Bei den forschenden Pharmakonzernen scheint die Lage zum Glück noch nicht so ernst zu sein. Die Bayer AG in Leverkusen stellt zwar fest, dass „offene Stellen, insbesondere für Mediziner und Pharmazeuten, zeitnah schwierig zu besetzen sind“, wie Pressesprecher Markus Siebenmorgen mitteilt. Doch die Suche nach geeigneten Mitarbeitern scheint sich derzeit nur „in einigen Bereichen aufwendiger und langwieriger“ zu gestalten. Noch klarer formuliert es die Sprecherin Julia Löffelsend von der Unternehmensgruppe Boehringer Ingelheim. Für medizinische Fragestellungen im Zusammenhang mit der Projektarbeit bei klinischen Studien sucht der Pharmakonzern gezielt nach Humanmedizinern mit klinischer Erfahrung als Arzt oder Ärztin. „Diese Kandidatengruppe ist schwierig zu rekrutieren. Durch geänderte Aufgabenverteilung mit Fokussierung auf operationale Aspekte im Rahmen der Projektarbeit und Weiterentwicklung nicht-ärztlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommt es jedoch zu keinem Fachkräftemangel“, so Löffelsend.

Kein Fachkräftemangel in Pharmaindustrie

Unterdessen wird von Seiten des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller e. V. in Berlin bestätigt, dass dem Verband zuletzt kein Pharmaunternehmen signalisiert habe, „durch Fachkräftemangel im Bereich klinische Forschung in besonderen Schwierigkeiten“ zu sein. In der Pharmaindustrie gebe es grundsätzlich „keine neue Entwicklung in Reaktion auf Engpässe“. Wer also ist vom besagten Fachkräftemangel wirklich betroffen? Dass es in der klinischen Forschung „eher keinen Mangel an qualifizierten Wissenschaftlern“ gebe, befindet der VBIO in Berlin, Dachverband der Biowissenschaften in Deutschland. „Was fehlt, sind forschende Ärzte, also Clinical Scientists“, moniert Geschäftsführerin Dr. Kerstin Elbing. Seitdem die patientenbehandelnden Mediziner arbeitsmarktpolitisch gegenüber den wissenschaftlich forschenden Kollegen bessergestellt sind, sei es „immer schwieriger geworden, interdisziplinäre Teams mit einem ausgewogenen Mix aus Naturwissenschaftlern und Medizinern zusammenzustellen – obwohl dies in der stark interdisziplinär angelegten biomedizinischen Forschung sehr wünschenswert wäre.“

Einen Mangel an forschenden Ärzten kritisiert auch Prof. Dr. Michael Gebauer. Er ist Geschäftsführer der Cardiac Research GmbH in Dortmund. Sein Unternehmen ist als Site Management Organisation auf die Organisation und Durchführung klinischer Studien in den Fachdisziplinen Kardiologie, Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie spezialisiert. Er berichtet von „ganzen Fachabteilungen in Kliniken, in denen kaum noch Deutsch gesprochen wird.“ Dieses Symptom des Fachkräftemangels sei zwar regional höchst unterschiedlich, an weniger attraktiven Standorten zeige es sich aber schon. „Dort fällt es dann auch schwer, ein vernünftiges Fachgespräch zu führen“, beklagt er.

Dringend gesucht: forschende Ärzte und Monitore

Weiterhin gebe es einen Mangel an Klinischen Monitoren. „Vor 15 Jahren galt der Monitor noch als der Experte in einem Studienprojekt, der das Studienteam angeleitet hat.“ Inzwischen habe sich dieses Verhältnis umgekehrt: „Nun müssen häufig die Study Nurses den Monitoren bei ihren ersten Terminen erklären, wie die jeweilige Studie abläuft.“ Immerhin, einen Mangel an Study Nurses scheint es nicht zu geben: „Dieser Job scheint entsprechend attraktiv zu sein, sodass hier gutes Personal gefunden werden kann“, so Gebauer. Nichtsdestotrotz habe der erlebte Fachkräftemangel die Fluktuation schnell steigen lassen. Durch die „immer wieder notwendigen Einarbeitungen, die in dem komplexen Umfeld der klinischen Forschung entsprechend ressourcenintensiv sein können“, gehe mehr und mehr die Effizienz verloren.

Obwohl ein solcher Mangel an Fachkräften in der klinischen Forschung, wie ihn Herr Gebauer aus seiner Perspektive schildert, auch in vielen anderen Unternehmen, Kliniken und Instituten beobachtet und erlebt wird, müssen diese Phänomene nicht bedeuten, dass sie auch arbeitsmarktpolitisch einem Fachkräftemangel entsprechen. Jedenfalls nach der Definition der Bundesagentur für Arbeit liegt ein Fachkräftemangel erst dann vor, „wenn für offene Arbeitsstellen auch nach Ausnutzung aller Möglichkeiten keine geeigneten Arbeitskräfte vorhanden sind und dadurch die Auftragserledigung nicht mehr möglich ist.“ Ansonsten spricht die Agentur von sogenannten Fachkräfte-Engpässen, die in einzelnen Berufen und Regionen entstehen können – erst unter gewissen Umständen gelten diese als Anzeichen für einen drohenden Fachkräftemangel. „Nach einhelliger Meinung aller Erhebungsinstitute in Deutschland liegt in noch keinem Beruf und in keiner Region ein Fachkräftemangel vor“, erklärt hierzu Christoph Löhr, Pressesprecher der Bundesagentur für Arbeit.

Alle Möglichkeiten der Rekrutierung nutzen

Wenn ein Fachkräftemangel per definitionem also erst nach der vergeblichen „Ausnutzung aller Möglichkeiten“ der Personalbeschaffung vorliegt, lohnt es sich, einmal näher zu beleuchten, mit welchen Beschaffungsmaßnahmen die Arbeitgeber derzeit versuchen, ihre Stellen zu besetzen. (...)

Text: Christoph Krelle

Der vollständige Titelbeitrag ist in der Fachzeitschrift "CR pro", Ausgabe 03/2017 erschienen.