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Eine Vision wird Realität

Lübeck ist eine Kulturstadt. Doch einen Raum, in dem Künstler, Individualisten und Kulturgenießer zueinander finden, in dem Kreativität ganzjährig gelebt wird, suchte man bisher vergebens. Seit einem Jahr gibt es nun die Kulturwerft – ein Projekt der Unternehmensgruppe Gollan, die zu einem „Zentrum für Kreativität“ werden soll.

Ein großer schwarzer Bus biegt um die Ecke. Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger samt Band kommt angefahren. Am Abend gibt sie ein Konzert im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Eigentlich war ihre Ankunft früher eingeplant. Jetzt muss Markus Steeger, Leiter der Kulturwerft Gollan in der Einsiedelstraße, flexibel sein. Der 52-jährige Profi managt die Situation routiniert: Früher betreute er als Leiter der Konzertorganisation beim SHMF 100 Spielstätten parallel. Dagegen gleiche die Organisation für die Kulturwerft, die zum „Leuchtturm für Konzerte, Kunst, Lesungen, Ausstellungen, Messen und Veranstaltungen“ in Lübeck werden soll, fast einer Entspannungskur – eine Aufgabe, die er sehr liebgewonnen hat.

20 Jahre lang lag der 17.000 Quadratmeter große Industriekomplex, der früher zur Lübecker Maschinenbau Gesellschaft gehörte, brach. Die Konstruktionen der Hallen aus Eisen, Glas, Stahl und rotem Backstein strahlen Geschichte aus. Im ersten fertigen Bauabschnitt, der rund 2.500 Quadratmeter umfasst, sind noch Kräne, alte Heizungsrohre und Installationen zu sehen. So fasziniert, wie die meisten Besucher auf die Wände der alten Halle von 1873 schauen, waren auch der ostholsteinische Unternehmer Thilo Gollan und seine Ehefrau Katrin, als sie die Gebäude vor fünf Jahren für sich entdeckten.

Lange war den Gollans nicht klar, was genau sie daraus machen wollten. Gemeinsam mit Volker Schmidt, Architekt und Geschäftsführer der Gollan Bau GmbH, standen sie wie die Maler vor einer Leinwand. Sie überlegten, welche Teile des Gesamtbildes sie überarbeiten und welche sie stehenlassen sollten, um das besondere Charisma der alten Hallen zu erhalten – ohne Businessplan, ohne Kalkulation, ohne den Zeigefinger eines Controllers.

„Zukunft braucht kreative Visionen.“ Dieser Leitspruch von Thilo Gollan hängt heute im Eingangsbereich der Kulturwerft. „Es wird ein lebendiges Netzwerk entstehen, von dessen Synergien jeder profitiert. Wenn sich hier täglich Menschen begegnen, ist unser Ziel erreicht“, steht in weißer Schrift auf schwarzem Grund an der Wand der Empfangshalle.

Die Kulturwerft Gollan wird komplett privat finanziert. Viele der Arbeiten, die zur Herrichtung der Hallen nötig sind, werden von den Mitarbeitern der Unternehmensgruppe, insbesondere der Gollan Bau GmbH, ausgeführt. Dadurch sei auch ein neues Wir-Gefühl unter den Mitarbeitern entstanden, berichtet Steeger.

Im ersten Jahr war die Kulturwerft nahezu jedes Wochenende ausgebucht. Geplant ist, Veranstaltungen auch unter der Woche anzubieten. Thematisch ist man offen – jeder ist willkommen, der sich in den Hallen wohlfühlt. In den nächsten Jahren wird ein Indoor-Garten ausgebaut. Räume für Ateliers und Kunsthandwerker sind geplant. Schon jetzt treffen sich dort regelmäßig Bands, um zu proben. Die erste Kunstausstellung – das Ausstellungsprojekt ARTdeFAK – startete im August mit klassischer Musik und einer Eröffnungsrede der Travestiekünstlerin Hertha Ottilie van Amsterdam.


Text: Christoph Krelle
Foto: Thomas Berg