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Bewerbung: Trotz Krankheit noch Karrierechancen?

Zum ZEIT-Gastbeitrag über Lücken im Lebenslauf hat mich dieser Leserbrief (gekürzter Auszug) einer 27-jährigen Studentin erreicht:

(…) Ich selbst bin in meiner Schulzeit erkrankt, musste deswegen zwei Schuljahre wiederholen und habe mein erstes Studium gründlich in den Sand gesetzt. Auch jetzt habe ich zu kämpfen und kann neben dem Studium nicht so viele Erfahrungen (Sprachen, Reisen, Nebenjobs) sammeln wie meine Kommilitonen. (…) Dabei bin ich nicht unqualifiziert, ich habe meinen Bachelor in Anthropologie mit 1,3 abgeschlossen (…) Wie kommt das an, wenn man in einem Bewerbungsgespräch offen darüber spricht? Ist die Begründung „gesundheitliche Probleme“ ausreichend oder lässt sie zu viel Raum für Interpretationen? Und wie sehr spielen Lücken im Lebenslauf, die z.B. durch Klinikaufenthalte verursacht wurden, eine Rolle? (…)

Mit diesen Fragen habe ich mich an verschiedene Arbeitgeber gewandt. Arbeitgeber, bei denen sich die Leserin gerne bewerben möchte. Ihr interdisziplinäres Studium macht sie vielseitig einsetzbar, wobei sie am liebsten im wissenschaftlichen Bereich eines Verlages oder für die Unternehmenskommunikation eines Gesundheitsunternehmens arbeiten würde.


„Generell ist Ehrlichkeit im Bewerbungsprozess für beide Seiten stets sinnvoll. Entsprechend sollte der Bewerber einen längeren Klinikaufenthalt – gerade wenn er nicht selbst verschuldet ist – ruhig in seinem Lebenslauf angeben. Kommt das Thema im Bewerbungsprozess zur Sprache, geht man damit am besten offen um“, empfiehlt Nico Rose, Senior Director der Personalentwicklung bei Bertelsmann.

Lücken seien aus Arbeitgeber-Sicht generell kein Problem, auch nicht durch Krankheit verursachte – doch wie gehaltvoll können ihre Aussagen überhaupt sein?

„Brüche jedweder Art sind normal im Leben. Nach wie vor ist es üblich, sie zugunsten eines ‚glatten‘ Lebenslaufs zu optimieren. Inzwischen ist der Umgang damit aber offener geworden“, sagt Sabina Ufferheide, zuständig fürs Employer Branding des Drägerwerks in Lübeck. Sie rät dazu, sich beim Nennen von Lücken „eine gewisse Deutungshoheit beim Gegenüber zu sichern. Und selbstbewusst genug zu sein, diesen Spielraum im eigenen Sinne zu füllen, eine Erklärung dazu abzugeben oder zumindest Fragen dazu beantworten zu können.“

„Wir entscheiden bei der Auswahl unserer Bewerberinnen und Bewerber vor allem nach Qualifikation und Kompetenz für das jeweilige Jobprofil“, stellt Natalie Erdmann, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Helios Kliniken in Berlin, klar. Sie betont, dass Lücken im Lebenslauf kein Hindernis für eine Einstellung sein müssen, zumal sie in vielen Lebensläufen vorkämen. „Ein offener und transparenter Umgang mit den Anforderungen und Erwartungen an die Tätigkeit in unserem Unternehmen, aber auch mit möglichen Defiziten oder Einschränkungen, ist aus unserer Sicht geboten."

Personaler raten Bewerbern zu Offenheit – auch bei Krankheiten

Demnach erscheint es völlig unkompliziert, der eigenen Karriere trotz längerer – durch Krankheiten verursachter – Auszeiten nachzugehen. Doch wie ernsthaft und gehaltvoll können sich Arbeitgeber hierzu überhaupt öffentlich äußern, ohne gleich ins Visier der Antidiskriminierungsstelle zu geraten? Und was denken jene Arbeitgeber, die sich auf meine Anfrage hin gar nicht äußern wollten, weil sie nach eigenen Angaben „keine Erfahrung mit dem Thema“ haben? – Ist es also wirklich immer so sinnvoll, im Bewerbungsgespräch über Krankheiten und ärztliche Diagnosen zu reden?

Christine Werner, Bewerbungscoachin aus Berlin, hat früher selbst als Personalerin in verschiedenen Unternehmen gearbeitet. Sie rät davon ab, einen längeren Klinikaufenthalt im Bewerbungsverfahren zu erwähnen. Stattdessen empfiehlt sie, diesen als „persönliche Auszeit“ im Lebenslauf oder Anschreiben zu deklarieren. „Denn egal wie gut der Klinikaufenthalt verlaufen ist oder um welche Art von Krankheit es sich handelt – beim Arbeitgeber kommt stets der Gedanke ‚Wer weiß, ob er/sie einsatzfähig ist‘ auf und wird von einer Einstellung eher Abstand nehmen“, erklärt Werner. Das Thema Krankheit sei in unserer Gesellschaft noch zu negativ behaftet und löse schnell Assoziationen wie „krank – nicht einsatzfähig – Risiko“ aus. „Da kann man noch so gut verkaufen, dass man wieder genesen ist“, mahnt Werner zur Vorsicht.

Auch aus juristischer Sicht sollten sich Bewerber gut überlegen, ob und wie sie auf Krankheiten im Bewerbungsprozess eingehen. „Salopp könnte man sagen, der Gesundheitszustand ist Privatsache des Arbeitnehmers und hat den Arbeitgeber grundsätzlich nicht zu interessieren“, so Thomas Müller, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Nürnberg. „Etwas anderes kann aber dann gelten, wenn dadurch das Austauschverhältnis im Arbeitsvertrag – Arbeitsleistung gegen Entgelt – gestört würde.“

Interesse des Arbeitgebers vs. Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers

Eine allgemeine Auskunftspflicht über ausgeheilte oder akute Erkrankungen bestehe jedoch nicht. „Auch eine nur latente Gesundheitseinschränkung ist nicht offenbarungspflichtig“, führt Müller weiter aus. „Mitgeteilt werden müssen nur solche Erkrankungen, die den Arbeitnehmer wegen der Ansteckungsgefahr oder der Schwere der Erkrankung an der Erbringung der Arbeitsleistung dauerhaft hindern.“

Im Bewerbungsgespräch könne also schon nach akuten Erkrankungen gefragt werden, soweit dies über die Einsatzfähigkeit des Arbeitnehmers aufklärt. Wird hingegen nach häufig wiederkehrenden, chronischen Erkrankungen gefragt, schätzt der Fachanwalt dies als „eventuell behinderungsrelevant und damit unzulässig“ ein. Bei derart unzulässigen Fragen des Arbeitgebers zur Gesundheit stehe dem Arbeitnehmer ein „Recht zur Lüge“ bei der Antwort zu. „Hierauf sollte man sich als Bewerber aber vorbereiten, sonst fällt es eventuell sofort auf“, gibt Müller zu bedenken.

Fazit:
Obwohl viele Personaler einen offenen Umgang beim Thema „Auszeit durch Krankheit“ befürworten, sollten Bewerber unter verschiedenen Aspekten dennoch für sich persönlich abwägen, ob und wie sie sich hierzu äußern wollen. Ich glaube, auf die Frage, wie es ankommt, im Bewerbungsgespräch offen über Krankheiten zu sprechen, gibt es mindestens so viele Antworten wie Arbeitgeber auf der Welt. Jeder empfindet das anders. Die Begründung „gesundheitliche Probleme“ mag in manchen Fällen ausreichen, in anderen wirft sie unliebsame Reaktionen hervor. Wofür sich Bewerber auch entscheiden – sie sollten dazu stehen und authentisch bleiben.

Text: Christoph Krelle