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Interview

„Das Schönste ist, dass ich hier meinen Mann kennenlernte“

Ich öffne die Tür und empfange das breite Lächeln der Designerin. Patricia Wieckowski-Simmgen, 35, ist umgeben von Liebe, Glück und Sonnenschein. Als wäre das milchweiße Einhorn, von dem sie auf ihrer Webseite schreibt, ihr treuester Begleiter, schwingt hier alles in freundlichem Weiß – luftig, zart und rein. Schmuck zu designen, ist ihre Passion. Seit fünf Jahren lebt und arbeitet sie in ihrem Atelier in der Kleinen Petersgrube mit der magischen Hausnummer 13.

Frau Wieckowski-Simmgen, was fasziniert Sie am Schmuckdesign?
…kleine Welten zu schaffen und die Leute zu verzücken. Ich begegne vielen Menschen und Geschichten. Wenn jemand eine Krankheit überstanden hat oder jemanden verloren hat, dann muss ich diese Themen ganz sensibel umsetzen. Schmuck ist sehr persönlich. Die Menschen tragen ihn bei sich. Heutzutage wird Schmuck oft oberflächlich betrachtet, aber es gibt ihn, seitdem es die Neandertaler gibt. Mit Schmuck ist ein großes Stück der Kultur verbunden. Er ist mehr als nur ein Statussymbol.

Wie wurde die Idee für Ihr Atelier geboren?

Das war meine Vision. Ich wollte das schon immer. Während des Studiums wohnte ich in demselben Haus im zweiten Stock. Zu der Zeit war noch ein anderer Laden hier und als ich mein Diplom hatte, fragte mich die Nachbarin eines Abends, ob ich den nicht übernehmen möchte. Ich war ganz aufgeregt und bekam weiche Knie. Ich hatte mich selbst sofort darin gesehen. Es hatte sich gefügt. Und das mitten in der Weltwirtschaftskrise.

Warum der Name „Atelier No. 1″?

Es gab mal eine Zeitschrift von Karl Lagerfeld, die so hieß. Ich liebe diesen Mann. Er ist ein toller, kreativer Mensch. Das hört sich seltsam an, aber ich mag das. Das ist mein Leben, mein Atelier, meine Nummer Eins.

Sie haben dieses Jahr Ihr fünfjähriges Bestehen gefeiert. Was war in dieser Zeit das schönste Erlebnis für Sie?

Das Schönste ist, dass ich meinen Mann hier kennengelernt habe. Er wollte Freunde besuchen und ging hier am Atelier vorbei. Und das Zweitschönste ist die Freude der Menschen, wenn sie in den Laden kommen oder meine Goldschmiedekurse besuchen. Diese Energien zu spüren, die sie mitbringen, ist ein Stück heile Welt für mich.

Und was ist das bisher schlimmste Erlebnis gewesen?

In der Selbständigkeit gibt es Supermonate und es gibt auch nicht so gute Monate. Am Anfang dachte ich: „Oh Gott, es gibt keine Aufträge – wie geht es weiter?“ Im Nachhinein war es immer irgendwie so, dass es gerade so geklappt hat. Doch anfangs hatte ich richtig Herzrasen. Manchmal ist es auch schade, an den Laden gebunden zu sein. Ich kann keine Weltreise machen, sondern ich muss hier präsent sein.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich habe viele Kundenaufträge. Zur Silberhochzeit hat eine Frau einen Ring mit ihrem Trauspruch bestellt. Der wird wunderschön. Ich habe ein, zwei Gussmodelle für Ringe da, die ich dann gießen lasse. Alles andere mache ich selbst.

Wie läuft so ein Auftrag ab?

Ich bespreche, was der Kunde sich vorstellt: ob Silber oder Gold und aus welchem Anlass er den Ring haben möchte. Ich versuche, das Thema aufzufangen und mit den Materialien, die mir gegeben sind, zu verbinden. Dann sprechen wir grob über Ideen. Die Entwürfe gehen per E-Mail raus. Danach geht es oft gleich in die Preisverhandlung oder es kommen noch Änderungswünsche zum Motiv.“

Sie fertigen das alles selbst?

Ja, es geht alles über meine Hände. Nur die Gussringe bestelle ich nach Bedarf. Ich hatte für vier Monate auch mal eine Praktikantin hier, denn ich wollte gerne etwas abgeben. Doch ich habe das nicht lange geschafft. Es ist einfach nicht mehr meine Handschrift und das ist den Werken anzusehen. Auch wenn es nur Nuancen sind, ich will, dass es meine sind.

Sie bieten jede Woche Goldschmiedekurse an. Was lernen die Teilnehmer da?

In erster Linie geht es darum, etwas zu machen. Wer in der Kürze der Zeit alles schafft, was er sich vornimmt, der lernt bestimmt auch etwas. Wir schmelzen ein, wir walzen, wir biegen die Ringe, schmieden und löten sie. Einige wundern sich, dass so viele Arbeitsgänge nötig sind, damit einfach nur ein schlichter Ring entsteht. Viele bringen ihre eigenen Ideen mit. Ich vereinfache das dann gerne, um ihnen zu zeigen, was sie selbst schaffen können. Das ist für den Laien schwierig einzuschätzen. Schließlich soll es ein Erfolgserlebnis werden.

Wofür braucht es wohl am meisten Erfahrung und Fingerspitzengefühl?

Das betrifft eigentlich alles. Wenn ich anfange, Metall zu sägen, dann sieht das für meine Teilnehmer oft aus, als würde ich durch Butter sägen. Und sie selbst krachseln da herum… Wie weit kann ich mit dem Material gehen? Was passiert damit? Das Gefühl dafür fehlt ihnen einfach noch. Deshalb erinnere ich mich immer zurück, wie es für mich früher als Praktikantin war.

Was sind das für Menschen, die hier in Ihren Laden kommen?

Das möchte ich gar nicht einschätzen. Ich glaube, es sind Menschen mit einem Feingefühl für Form und Farbe. Im Sommer sind ganz viele Kulturen hier: Schweizer, Skandinavier, Italiener, Spanier. Die Japaner kaufen sehr witzig ein. Die Brosche, die Kette, die Ohrringe… sie legen alles auf den Tisch. Ich denke, die wollen das einzeln nochmal anprobieren, aber die nehmen das alles mit – für ihre Familie zu Hause.

Was inspiriert Sie?

Alles kann mich inspirieren. Schöner Sonnenschein, ein schöner Spaziergang durch den Wald, mein Kind, die Einsamkeit… Ich habe keine Angst davor, allein in der Wüste und nur mit mir selbst zu sein. Musik ist sehr wichtig.

Welche Musik hören Sie?

Rock, Klassik, Tango, französische Musik… Alles, was irgendwie etwas mit mir macht. Genauso können mich auch gute Gespräche inspirieren oder einzelne Gesprächsfetzen.

Mit welchem Material arbeiten Sie am liebsten?

Silber.

Warum?

Hinterher sieht es immer aus wie von Feenhand gemacht. Silber ist ein so sanftes, zartes, aber doch widerstandsfähiges Material, sodass ich mich jedes Mal wieder wundere, was ich damit alles machen kann. Ich liebe das.

Sie sprechen von Feenhänden, bieten unter anderem auch Schmuck mit Einhörnern und Engeln an. Sind Sie spirituell veranlagt?

Ich bin römisch-katholisch erzogen worden. Inzwischen halte ich nicht mehr so viel von der Kirche, aber ich bin spirituell – ja. Engel sind für mich Feenwesen, die einfach da sind. Spiritualität drückt sich für mich vor allem in zwischenmenschlichen Begegnungen aus. Wenn Du das Gute spürst oder die Energien, die zwischen Menschen vorhanden sind. Oder auch die Kräfte der Natur…dann fühle ich mich ehrfürchtig und klein. Die Liebe, die Hilfsbereitschaft und Güte, die Geduld anderer Menschen, von Familie und Freunden – das ist Spiritualität für mich.

Was motiviert Sie, jeden Tag aufs Neue in Ihr Atelier zu kommen?

Die Leidenschaft, etwas zu schaffen. Ich gebe viel Liebe in die einzelnen Aufträge. Es geht immer ein Stück von mir mit. Das ist schön, den Leuten etwas mitzugeben. Ich habe das Gefühl, meine Kunden sitzen neben mir. Ich denke an sie, wenn ich an ihren Aufträgen arbeite. Das ist meine Motivation, das macht mir Spaß.

Interview und Foto: Christoph Krelle