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Studium, ich mach Schluss mit dir!

Sich für ein Studienfach zu entscheiden, ist nicht leicht. Noch eine andere Schwierigkeit ist es, ein begonnenes Studium abzubrechen und seinen eigenen Weg zu gehen. Dabei spielt nicht immer der ausbleibende Erfolg eine Rolle, sondern auch das Bauchgefühl und die Frage nach der eigenen Vision.

Johannes [26]: Eine Nummer experimenteller

Johannes Küpper studiert Humanbiologie an der Universität Greifswald – und das mit Erfolg. Nachdem er 2012 den Bachelor absolvierte, folgte ein Auslandsjahr in Schweden. Jetzt setzt er alles daran, den Master zu bestehen und von einer Promotion träumt Johannes auch schon. Viele Menschen, die er trifft, fragen sich jedoch, warum er Rechtswissenschaften studierte und erst ein Jahr später zur Naturwissenschaft wechselte. Für Johannes ist das logisch: „Mein Interesse für die Medizin war damals noch sehr vage. Als ich sah, dass es an der Uni zulassungsbeschränkt ist, entschied ich mich zunächst für ein zulassungsfreies Fach.“ Neben der BWL waren das die Rechtswissenschaften. In der Welt der Paragraphen und Gesetzestexte fand der gebürtige Magdeburger gute Freunde, doch es quälte ihn zunehmend die Frage, ob es nicht doch richtiger wäre, etwas Medizinisches zu tun. Dem setzten sich Ehrgeiz und Stolz entgegen, einfach das Studium durchzuziehen und Jurist zu werden. Trotzdem folgte er seiner Neugier: Er tauschte sich mit Kommilitonen der medizinischen Fakultät aus, besuchte einen Präparierkurs und beschäftigte sich mit Anatomie. Bis zur tatsächlichen Entscheidung hatte Johannes lange mit sich gekämpft. Familie und Freunde bestärkten ihn jedoch, das zu tun, was ihm gefällt. Mit großer Begeisterung erklärt Johannes heute, was die Humanbiologie speziell auszeichnet: „Der Mediziner ist im Grunde ein Anwender. Er arbeitet mit dem Wissen, was da ist, um Menschen zu heilen und ihr Leben zu verlängern. Der Humanbiologe ist hingegen jemand, der nach neuem Wissen forscht. Ich will in der freien Wissenschaft etwas Neues entdecken, das dann veröffentlicht und vielleicht irgendwann von der Medizin aufgegriffen wird.“ Erste Erfahrungen in der Forschung sammelte Johannes bereits in Stockholm. Als populäres Beispiel führt er den Impfstoff gegen den Gebärmutterhalskrebs an, der vom Medizinnobelpreisträger Harald zur Hausen entwickelt wurde. So einem Erfolg gehen häufig viele Jahre der Forschungsarbeit voraus. Doch das schreckt Johannes nicht ab: Problemlösung ist sein Ding.

Debora [30]: Eine Nummer kleiner


Dass ein Studienwechsel weniger durch das Fach als durch die Rahmenbedingungen motiviert sein kann, weiß Debora Grund. Die Versicherungsfachwirtin studierte ein Semester Wirtschaftspädagogik an der Universität Hamburg, wollte Berufsschullehrerin werden. „Schon nach drei Wochen fiel meine rosarote Brille“, sagt sie. Sie beklagt die überfüllten Hörsäle, die Unerreichbarkeit der Professoren und das einzelkämpferische Verhalten unter Kommilitonen. Den riesigen Campus mit 45.000 Studierenden hatte sie unterschätzt. Da Wirtschaftspädagogik ein „Querschnittfach“ war und es keine eigene Fakultät gab, saß Debora in den Vorlesungen vieler anderer Zielgruppen: Informatikern, Mathematikern, Juristen und BWL-Absolventen. „Ich fühlte mich da komplett alleingelassen und hätte mir mehr Betreuung gewünscht“, sagt sie. Die Skripte zu lesen und sich den Stoff selbst beizubringen, fiel ihr schwer. Hinzu kam, dass sie regelmäßig zwischen Hamburg und Lübeck pendelte – der Familie und ihres Freundes wegen. Die Situation machte sie fertig: „Ich konnte am Ende gar nicht mehr richtig schlafen.“ Sie hing das Studium an den Nagel und bekam den Tipp einer Bekannten, sich doch einmal auf dem Campus der Fachhochschule Lübeck umzusehen. Zwar wurde dort keine Wirtschaftspädagogik angeboten, aber immerhin BWL mit dem Schwerpunkt Gesundheitswirtschaft. Der Wechsel verlief unkompliziert: Ein Semester wurde ihr angerechnet und binnen weniger Wochen konnte sie im laufenden Semester quereinsteigen. An der Fachhochschule fühlte sie sich gleich zufriedener. „Wir werden hier gut auf die Klausuren vorbereitet und die Hörsäle sind viel kleiner. Es ist sehr familiär, wie in einer Schulklasse“, erklärt sie froh. Inzwischen hat sie den Bachelor längst in der Tasche, arbeitet im Büro der Gleichstellungsbeauftragten und lernt nebenbei für ihren Master.

Ben Paul [23]: Eine Nummer freier


Ben Paul studierte Jura an der Bucerius Law School in Hamburg – und brach das Studium nach nur einem Jahr ab. „Ich merkte, dass ich auszubrennen drohte, und das ist für mich nicht wirklich der Sinn eines Studiums“, erklärt er. In Nicaragua, einem Staat in Zentralamerika, kam ihm dieser Gedanken zum ersten Mal. Dort absolvierte Ben einen Freiwilligendienst, für den er sich an der Hochschule beurlauben ließ. Ben schätzt sich selbst als Querdenker ein: „Die meisten Juristen sind eine besondere Art von Mensch – und ich bin einfach zu kreativ und freidenkend, um einmal ein guter Jurist zu werden. Ich möchte gestalten und mein eigener Boss sein und nicht den ganzen Tag Akten wälzen und durch fette Gesetzestexte blättern.“ Die Entscheidung dann tatsächlich in die Tat umzusetzen, fiel ihm allerdings schwer. Er haderte lange und wägte ab. Die Vernetzung der privaten Hochschule war sehr gut und er durfte ein Praktikum in der Rechtsabteilung von Audi machen. Doch am Ende verließ er sich auf sein Bauchgefühl. Was sagte seine Familie dazu? „Mein Dad hat mir klargemacht, dass er mich nicht mehr unterstützen würde. Meine Mom hat geweint und sich wirklich große Sorgen gemacht.“ Heute wohnt Ben in einem acht Quadratmeter großen Zimmer in Berlin und hat gelernt, sich selbst zu versorgen. Mehr noch: Er hat eine eigene Vision davon, wie sich junge Mensch selbst kennenlernen können und nur das Wissen erhalten, das für ihren ganz persönlichen Weg wichtig ist. Mit seinem Blog „Anti-Uni“ macht er seine Vorstellungen und Erfahrungen regelmäßig transparent. In einigen Medien wird er als „Deutschlands berühmtester Studienabbrecher“ gehandelt. Doch darum geht es ihm nicht. Er will nicht nur labern, sondern verfolgt ein klares Ziel: „Ich will jungen Menschen Methoden zur Verfügung stellen, mit denen sie herausfinden können, was sie wirklich wollen.“ Das soll in Zukunft über Online-Kurse möglich sein. Gleichzeitig träumt er davon, „Mini-Universitäten“ zu gründen, in denen Studenten eigenständig lernen, sich gegenseitig unterstützen und somit ihren eigenen Bildungsweg gehen.


Text: Christoph Krelle