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Kommentar: Gleiches Shopping-Recht für alle

Einkaufzentrum sao paulo cc by nc nd miguel angel labarca

Foto: Miguel Angel Labarca. CC-by-nc-nd

"Du kommst hier nicht rein." Dieser Satz kann jemandem den Einlass in einen Szene-Club verwehren, sollte derjenige nicht den Vorstellungen des Club-Besitzers entsprechen. Von vielen Menschen wird das leider so hingenommen. In Brasilien hören den Satz sogar Jugendliche, die sich in Shoppingcentern treffen wollen. Jugendliche, die so aussehen, als würden sie nichts kaufen. Jugendliche aus Armenvierteln. Dieses Verbot ist auch nicht damit zu rechtfertigen, dass die meist schwarzen Kids mit ihren lautstarken Versammlungen in den Malls der Metropolen die anderen Einkäufer ängstigen.


Auch wenn sie kein Geld zum Einkaufen besitzen, haben die Jugendlichen das Recht, zur Konsumwelt zu gehören. Es ist ihr Recht, wie die Kinder der Reichen, durch die gut bewachten Gänge der Zentren zu schlendern, Schaufenster anzuschauen und sich in einem sicheren Rahmen zu treffen, anstatt auf den gefährlichen Straßen ihres Viertels. Und es ist ihr Recht, auf sich aufmerksam zu machen und der einkaufenden Mittelschicht, die sich nicht mehr in die Einkaufsstraßen der Städte traut, zu sagen: "Uns gibt es auch noch."


Zugegeben, manche übertreiben es etwas mit der Aufmerksamkeit. Tausende Kids laufen laut singend und trommelnd durch die Konsumtempel, sodass viele Menschen in Panik geraten. Oder sie verwandeln das Einkaufszentrum plötzlich in eine Tanzfläche. Doch diese Flashmobs mit Gesang und Tanz sind die spielerische Alternative zu den großen Sozialprotesten, die im Juni 2013 in Brasilien begannen. Eine gewaltfreie Alternative, die eine ziemlich übertriebene Antwort hervorrief. Mit Gummigeschossen und Tränengas reagierten die Polizisten vor einem Zentrum in São Paulo auf eine größere Gruppe Jugendlicher.


Statt sie zu verdrängen, müssen sich die Politiker diesen jungen Menschen und ihren Forderungen widmen. Brasilien ist nun mal ein Land mit vielen Gegensätzen. Wer dort lebt, kann nicht nur in seiner eigenen Blase leben, sondern muss seine Mitmenschen respektieren und beachten.


Obdachlose haben in Brasilien keine Chance, in die klimatisierten Shopping-Zentren zu kommen, und auch vielen Schwarzen bleibt seit jeher oft der Zutritt untersagt. Das wurde bisher von vielen Brasilianern nicht ernst genommen. Den Jugendlichen gelang es nun, endlich eine Apartheid-Debatte im Land auszulösen. Doch so lange die Politiker nicht handeln, bleiben die Armen draußen.


Schwarz, jugendlich, arm oder obdachlos; vor einem Shoppingcenter oder Club: "Du kommst hier nicht rein". Eine Unverschämtheit.


Autorin: Christina Weise

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