28 Abos und 3 Abonnenten
Artikel

Sachsen: Märchenschloss mit Einschusslöchern - manager magazin

Im Schlosshotel Gaußig kann man nicht nur stilvoll in Prunk und Pracht logieren, sondern auch in exklusiver aristokratischer Gesellschaft dinieren. In dem einstigen DDR-Erholungsheim gibt sich ein echter Graf aus dem Westen die Ehre.

Gaußig - Vielleicht kommt er heute. Es ist Freitagabend, im Speisesaal funkeln die Gläser, die Hotelgäste trudeln ein, die Herren im Anzug, die Damen in Bluse und Rock. Sobald man ein Schloss betritt, befindet man sich in einer anderen Welt - das ergibt sich ganz von allein. Also rücken einige Herren noch einmal ihre Krawatten zurecht, zwei Damen tuscheln aufgeregt: Heute trifft der Hausherr aus Berlin ein, und wenn er im Haus ist, speist der Graf oft mit den Gästen. Kellnerinnen in schwarzer Dienstkleidung mit weißen Schürzen bringen die Vorspeise, das Abendessen kann beginnen.

Man diniert auf einem Märchenschloss, und allen ist egal, dass es in Deutschland gar keine Grafen mehr gibt. "Mit dem Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung 1919 wurden alle Vorrechte des Adels abgeschafft", betont Christine Gräfin von Brühl, eine entfernte Cousine des Hausherrn, die in ihrem Buch "Noblesse oblige" das Wohl und Wehe des scheinbar adeligen Lebens beschreibt: Es gibt ihn nicht mehr, "es ist also reinste Spielerei, wenn davon noch die Rede ist. Es ist wie ein altes Auto, das man hegt und pflegt und jeden Samstag auf Hochglanz poliert, obwohl es längst nicht mehr fährt."

Die Gäste auf dem Schloss wären mit dem Glanz völlig zufrieden, doch nach dem zweiten Gang betritt die Direktorin Uta Moritz den Saal und lässt den Grafen entschuldigen: Er sei angekommen, aber es sei eine anstrengende Woche gewesen, er habe sich in seine Räume zurückgezogen. Er bitte um Nachsicht, man sehe sich gewiss am nächsten Tag.

Das Örtchen Gaußig liegt etwa fünfzig Kilometer östlich von Dresden, leere Landstraßen schlängeln sich durch winzige Dörfer und gelb leuchtende Rapsfelder, durch die offenen Autofenster rollt eine süße Duftwelle herein. Dann taucht das Ortsschild auf, die Kirche, und endlich Schloss Gaußig, ein beiges Barockschloss, vor 1713 erbaut. Es gehörte von 1747 bis 1750 Heinrich Graf von Brühl, dem gewieften Universalpolitiker unter August dem Starken und Vorfahren mütterlicherseits des heutigen Besitzers. Heinrich hatte zwar kein Händchen für die Wirtschaft und das Militär, aber sein Sinn fürs Schöne war famos.

Der Graf bittet zum Kaffee ins Porzellankabinett

Noch heute trägt Gaußig seine Handschrift: Im 30 Hektar großen Park ließ Brühl damals einen Barockgarten anlegen, von dem ein stiller Kanal und ein malerischer kleiner Pavillon erhalten sind. Um 1800 wurde er von seinen damaligen Besitzern, der gräflichen Familie Schall-Riaucour, in einen Landschaftsgarten mit gewaltigen Rhododendrenbüschen verwandelt.

Am nächsten Morgen empfängt Andreas Graf von Brühl-Pohl seine Besucher zum Kaffee im Porzellankabinett, einem kleinen Raum mit dunkler Holzvertäfelung, darauf Delfter Porzellankacheln und -teller. Wie betrüblich, dass er gestern das Abendessen verpassen musste: "Wir führen mit dem gemeinsamen Essen eine Tradition aus Zeiten weiter, als die Menschen noch nicht in Urlaub fuhren, sondern sich bei befreundeten Familien trafen, um Abwechslung zu finden", erläutert der Hausherr mit leiser Stimme. "Aber mittlerweile habe ich selbst manchmal Probleme, die Regel einzuhalten", sagt er lachend.

Der 53-Jährige wirkt von Weitem eher fahl, doch aus der Nähe untermalt seine Blässe die jungenhafte Frisur, das dunkle Haar zurückgekämmt. Er trägt einen blaugrauen Anzug, das helle Hemd darunter ist am Kragen etwas weit, als müsse er noch hineinwachsen, wie er ja auch in sein Schloss hineingewachsen ist, nicht ohne Mühe. Denn das Anwesen hatte einen gemeinen Witz seiner Familiengeschichte für ihn parat: Der Name Brühl bedeutet so viel wie feuchte Wiese oder Sumpf, der Vorfahr Heinrich Graf von Brühl mochte die Nähe zum Wasser, er ließ sein Haus mitsamt Garten, der "Brühlschen Terrasse", in Dresden direkt an die Elbe bauen.


* * *


Hier geht's zum vollständigen Text:

https://www.manager-magazin.de/lifestyle/reise/a-724342-2.html



Zum Original