Birk Grüling

Bildungsjournalist, schreibender Papa, Spielplatzheld, Buchholz

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Artikel

Echt Niedersachsen: Frank und sein Garten

Frank Gerdes war Klatschreporter aus Leidenschaft, immer unterwegs im Nachtleben, per Du mit Stars und Sternchen. Doch das Leben auf der Überholspur nimmt mit einem Burnout ein jähes Ende. Heute ist er erfolgreicher Gartenblogger und viel entspannter. Von Birk Grüling

Frank Gerdes hat mit Donald Trump gespeist, auf Fürsten-Hochzeiten in Monaco getanzt und seinen Kater danach auf einer Yacht ausgeschlafen. Jahrelang gehört er als BZ-Klatschtante zur Berliner High Society. Später schreibt er für Gala, Bunte und SuperIllu, ist Chefreporter für „Das Neue Blatt“ und „Das Neue“. Bis heute ist sein Telefonbuch randvoll mit den Nummern von TV-Sternchen, Traumschiff-Darstellerin und Schlagersängerin – aus einer Zeit als Klatschreporter noch recherchieren konnten und Geld für ausgedehnte Partys da war. Von diesem Glamour ist bei der Anfahrt zum Interview wenig zu spüren. Die Landstraße nach Jesteburg schlängelt sich zu durch den Wald. Entgegenkommenden Autos muss man auf dem Standstreifen ausweichen. Gerdes Haus liegt in einer Spielstraße am Waldrand, verklinkerte Fassaden, ein blühender Garten mit Rosen und Apfelbäumen im Rasen, sauber aufgereihte Mülltonnen, aufmerksame Nachbarn. Mehr Dorf als hier geht kaum oder positiv formuliert: Es ist eine Ruheoase nach turbulenten Jahren. Vor zehn Jahren kauften Gerdes und sein Mann das Haus in Jesteburg. Beide sind auf dem Land groß geworden. Trotzdem war die Umstellung groß. Vorher lebten die beiden dort, wo das Leben tobt und Geschichte zu erzählen gibt. Berlin, Hamburg, München – dazwischen Klatsch-Reportagen aus aller Welt. 

Der Baum am Straßenrand sah nach Erlösung aus

Fast zwei Jahrzehnte bedeutet das ein Leben auf der Überholspur. Nicht selten sitzt Gerdes bis tief in der Nacht in der Redaktion oder an der Bar irgendeiner Promi-Disko. Immer auf der Suche nach neuem Klatsch – uneheliche Kinder, Schlaganfälle im Königshaus, Zickenkrieg unter deutschen Schauspielerinnen. „Eine schöne und aufregende Zeit. Aber kein Job für immer“, das weiß Gerdes schon damals. Trotzdem macht er weiter bis zum bitteren Ende – dem Burnout. Vor fünf Jahren geht nichts mehr. Selbst für kurze Meldungen braucht Gerdes Stunden, die Rückenschmerzen werden mit Spritzen betäubt. Der ehemals lebensfrohe Mensch wird zusehends launisch und cholerisch. Immer häufiger greift er abends zum Alkohol. Auf dem Nachhauseweg vom Verlag denkt er manchmal darüber nach, gegen einen Baum zu fahren. Dann wäre es vorbei, keine Sorgen mehr. Die Warnsignale ignoriert der Vollblut-Journalist trotzdem lange, genau wie die Warnungen von Ärzten, Freunden, des Partners. Erst ein Telefonat mit Musical-Star Angelika Milster, laut Gerdes eine sehr resolute Dame, bringt ihn zum Umdenken. Sie schickt ihm auf dem emotionalen und körperlichen Tiefpunkt in den Garten. Er solle die Hände in die Erde stecken, das sei gut für Kopf und Seele. In der Ruhe liegt die Kraft – diese doch so abgedroschen wie wahre Weisheit ist für den ehemals rasenden Reporter etwas ganz Neues. 

Garten als neuer Lebens Mittelpunkt

Einen innigen Bezug zum Grün hinter dem Haus hat er zu diesem Zeitpunkt nicht. „Unser Garten wurde von Rentnern oder Studenten in Schuss gehalten, für Rasenmähen und Blumenpflanzen fehlte mir die Zeit“, erinnert er sich. Doch die Gartenleidenschaft ist schnell geweckt. Mit prominenter Hilfe: Veronica Ferres gibt ihm Tipps für einen hundefreundlichen Garten, Jutta Speidel verrät ihm, wo Apfelbäume am besten wachsen und TV-Bulle Till Demtröder berät ihm beim Rasenmäher-Kauf. Von Prinz Charles übernimmt er den freundschaftlichen Smalltalk mit seinen Bäumen und Blumen. Mit der Zeit in der Natur kommt die Kraft zurück. Nach zwei Jahren Auszeit und unzähligen Stunden im Garten ist er wieder bereit zu schreiben – nicht mehr über Prominente, sondern über Unkraut, Hortensien und Gewächshäuser. So entsteht die Idee für einen eigenen Garten–Blog namens „Frank kleiner Garten“ und ein Buch randvoll mit den Gartentricks der Prominenten. Heute verdient er mit seinem „Magazin im Netz“ Geld. Firmen sponsern seine Artikel, legen Wert auf seine authentische Meinung. Dazu schreibt er Kolumnen für Garten-Fachmagazine und denkt über ein neues Buch nach. Auch an einem Onlineshop für Gartenfreunde von Welt arbeitet er gerade – dort soll es hochwertige Gießkannen aus England oder besonderen Samen zu kaufen geben. 

Ruhe ist mir wichtig, trotzdem vermisse ich den Trubel

Stress macht er sich dabei nicht. In der Ruhe liegt die Kraft – ist weiterhin sein Lebensmotto. Statt mit einem Kater und einem drängenden Redaktionsschluss beginnen seine Tage heute mit einem ausgiebigen Frühstück – englisch mit Toast und Tee, danach folgt ein langer Spaziergang mit dem Hund. Vor zehn Uhr sitzt er selten am Schreibtisch mit Blick auf den Garten. Statt einer Doppelseite pro Tag schreib er heute drei bis vier Artikel pro Woche, machte neue Bilder für Instagram oder geht auf Kundenakquise. Auch im Garten steht er natürlich täglich – zur Entspannung und zur Recherche. Vor allem ein Thema interessiert im Moment die Leser: nachhaltiges Gärtnern. Pestizide sind längst verpönt, genau wie Monokulturen oder Laubbläser. Heute versuche man so natürlich wie möglich zu pflanzen, am besten noch etwas für die heimische Vogelwelt und die Bienen zu tun, berichtet Gerdes. Zurück in die Welt der Stars zieht es ihn dagegen nur selten. „Natürlich fällt mir auf dem Land manchmal die Decke auf den Kopf. Umso mehr genieße ich die gelegentlichen Treffen mit alten Freunden in Berlin oder das jährliche Filmfest in München“, sagt Gerdes. Wenn er dabei neuen Klatsch hört, kribbelt es ihm in den Fingern. Eine Rückkehr an die roten Teppiche dieser Welt kann er sich trotzdem nicht vorstellen. Dafür sei der Klatschjournalismus heute zu krisengeschüttelt und kaputtgespart. „Früher hat das Handwerk noch gestimmt, heute weicht die Recherche der Arbeit vom Schreibtisch. Auch die ganzen Z-Promis interessieren mich kaum“, sagt Gerdes. Statt ihre Schlammschlachten zu verfolgen, steckt er lieber die Hände in die Erde.