Birk Grüling

freier Journalist für Gesellschaft und Bildung, Buchholz

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Artikel

Themenausgaben: Die Schwierige Reform

Schüler mit und ohne Förderbedarf sollen zusammen lernen. In der Praxis treten dabei viele Schwierigkeiten auf. Der Unmut bei Eltern und Lehrern wächst

Im Jahr 2009 fiel der Startschuss zur Inklusion. Damals unterschrieb Deutschland nach langem Zögern die UN-Behindertenrechtskonvention. Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung wurde damit anerkanntes Menschenrecht und die Inklusion bundesweites Bildungsziel. Alle Schüler, ob mit oder ohne sonderpädagogischen Förderbedarf, haben seither das gleiche Recht eine Regelschule zu besuchen.

Immer mehr Eltern machen davon Gebrauch. Im Schuljahr 2015/16 wurden 38 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen unterrichtet. Der Anteil stieg im Vergleich zu 2008, vor der Ratifizierung der UN-Konvention, um über 70 Prozent. Die Situationen in den Bundesländern weichen stark voneinander ab. So lernen in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein mehr als 60 Prozent der Schüler mit Förderbedarf an Regelschulen. In Hessen und Bayern liegt der Anteil mit rund 25 Prozent weit unter dem Bundesdurchschnitt. Insgesamt besuchen immer noch 62 Prozent der Schüler mit Behinderungen eine Sonderschule. Diese Zurückhaltung überrascht kaum.

Selektives Schulsystem Immerhin hält Deutschland seit Jahrzehnten an einem selektiven Schulsystem fest, das Kinder frühzeitig nach Leistung trennt. Gemeinsames Lernen in höheren Klassen hat eigentlich nur an Gesamtschulen eine Tradition. Auch hier waren Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf bis zum Start der Inklusion meistens die Ausnahme. Für sie gibt es schließlich Sonderschulen, spezialisiert auf körperlich-motorische Einschränkungen, geistige Behinderung oder eine Hörschädigung. An den Förderschulen werden die Kinder in kleinen Lerngruppen von Sonderpädagogen unterrichtet. Dazu gibt es anders als an "normalen" Schulen Unterstützung von Therapeuten und Pflegekräften. Bei allen größeren und kleineren Schwächen, bei aller Kritik an ungleichen Bildungschancen und einer Schaffung von Parallelwelten, das etablierte System funktioniert. Kein Wunder also, dass die Idee der Inklusion, wonach Kinder unabhängig von ihrer Begabung oder einer Behinderung gemeinsam lernen, auf Widerstand stößt.

Doch die Bedenken gegenüber der Inklusion nur mit konservativen Bildungsvorstellung zu erklären, greift zu kurz. Auch bei den Befürwortern fällt das Urteil über die Reformbestrebungen kritisch aus. So wie die Inklusion im Moment läuft, sei sie zum Scheitern verurteilt, ist der Tenor. Ist das Konzept der Schule für alle vielleicht nur eine hübsche Vision? Ein Menschenrecht auf Papier?

Wer aktuelle Debatten verfolgt, könnte diesen Eindruck bekommen. Kaum ein bildungspolitisches Thema polarisiert so stark. In Niedersachsen hat die neue Landesregierung gerade die Inklusionsbestrebungen verlangsamt. In anderen Bundesländern wurde mit einem Inklusions-Stopp Wahlkampf gemacht. Auch Elterninitiativen und Lehrerverbände laufen Sturm. Die Kritik: Die Politik stellt viel zu wenig Ressourcen bereit. Darunter leidet die individuelle Förderung der Schüler, sowohl von Leistungsschwachen als auch von Leistungsstarken. Lehrer beklagen fehlende Unterstützung, mangelnde Ausbildung und zu hohe Arbeitsbelastung.

Sorgen ernst nehmen Die Kritik an den Rahmenbedingungen kann Oliver Musenberg, Inklusionsforscher an der Uni Hildesheim, gut verstehen. "Die Inklusion ist eine große Aufgabe für ein Schulsystem, das jahrzehntelang erfolgreich auf Exklusion setzte. Ein solch radikaler Kulturwandel geschieht nicht ohne Schwierigkeiten", sagt der Erziehungswissenschaftler. Er mahnt, Ängste und Sorgen von Lehrern und Eltern ernst zu nehmen. So müsse zum Beispiel die Ausbildung der Lehrer angepasst und mehr Stellen für Sonderpädagogen geschaffen werden. Auch bei der Kooperation zwischen Sonder- und Regelschulen sieht er Nachholbedarf. "Fehlende Ressourcen und strukturelle Probleme dürfen nicht zu Argumenten de´rjenigen werden, die Inklusion schon jetzt als gescheitert sehen und Schüler am liebsten wieder oder weiterhin trennen wollen", sagt er.

Grund an dem Konzept der Inklusion in Gänze zu zweifeln, sieht Musenberg nicht. Sie sei nicht nur ein Menschenrecht, sondern ergebe auch pädagogisch Sinn. Tatsächlich zeigen Studien, dass von erfolgreicher Inklusion durchaus alle Schüler profitieren - sowohl beim methodischen Lernen als auch bei der Entwicklung von Sozialkompetenzen. Voraussetzungen dafür sind passende Konzepte mit ausreichendem Personal. Genau diese gebe es durchaus. Schließlich sei "Inklusion" nicht einfach vom Himmel gefallen, erklärt Musenberg. Bereits seit den 1970er Jahren gab es seitens der Reformpädagogik die Forderung nach einer Schule für Alle. Aus den theoretischen Debatten entwickelten sich bundesweit Vorzeigeprojekte für gemeinsames Lernen.

Ein Beispiel dafür ist die Erich-Kästner-Schule in Hamburg. An der Gesamtschule lernen seit fast 30 Jahren Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam. Von der Hansestadt wurden die Integrationsklassen lange besonders gefördert, zum Beispiel durch zusätzliche Sonderpädagogen oder mehr Ausgleichsstunden für die gemeinsame Unterrichtsplanung. Eine Unterstützung, die die Schule erfolgreich nutzte. In den inklusiven Lerngruppen unterrichteten immer zwei Pädagogen gleichzeitig. Frontalunterricht ist eher die Ausnahme, stattdessen lernen die Schüler im Projektunterricht und mit individuellen Lernplänen. Die Unterrichtsmaterialien werden von Sonderschulpädagogen und Gymnasiallehrern gemeinsam entwickelt. Für dieses Konzept erhielt die Schule 2014 den Jakob Muth Preis für inklusive Schule. Großen Anteil an dieser Auszeichnung hat der ehemalige Schulleiter Pit Katzer. Seit seiner Pensionierung kämpft der Pädagoge für eine bessere Inklusion.

"Hamburg war mal ein großes Vorbild für gemeinsames Lernen. Leider hat sich die Situation deutlich verändert", sagt Katzer. Früher war die Zahl der Integrationsklassen zwar begrenzt, aber es gab eine ausreichende personelle Ausstattung. Inzwischen hat sich der Inklusionsanteil auf rund 66 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf erhöht, aber die Personalausstattung ist nicht in gleichem Umfang gewachsen. Bei Schülern mit einer Behinderung wurde die Personalzuweisung seit 2012 pro Kind um ein Drittel gekürzt. Beim sonderpädagogischen Förderbedarf Lernen, Sprache und Verhalten sind Sonderpädagogen oft für bis zu acht Klassen zuständig. Für jedes Kind bleiben nur ein paar Stunden, den Rest der Zeit sind die Fachlehrer auf sich allein gestellt - oft ohne eigene sonderpädagogische Ausbildung und in Klassen mit sehr heterogener Schülerschaft. "Viele Kollegen arbeiten am Limit und sind frustriert", berichtet Katzer. Kein reines Hamburger Problem, bundesweit fordern Lehrerverbände mehr Unterstützung durch Sonder- und Sozialpädagogen.

Die fehlenden Ressourcen schrecken auch viele Eltern von Kindern mit Behinderung ab. Eine Folge: Sie entscheiden sich trotz grundsätzlicher Offenheit für die Inklusion nicht für eine Regelschule, sondern wählen lieber die Sonderschule. Dort gibt es genug Lehrer, Therapieräume und Pflegekräfte. Tatsächlich bleibt der bundesweite Anteil der Schüler im Sonderschulsystem seit 2009 ziemlich konstant. Es gibt immer noch rund 3.000 Sonderschulen - nur 300 weniger als vor acht Jahren. Und das liegt nicht nur daran, dass heute deutlich mehr Förderbedarf diagnostiziert wird als noch vor zehn Jahren.

Positive Erfahrungen Dazu passt auch, dass in einer 2015 erschienenen Studie der Bertelsmann Stiftung 63 Prozent der 4.500 befragten Eltern der Aussage zustimmten, dass Kinder mit Förderbedarf in Sonderschulen besser gefördert werden. Und das, obwohl die Eltern grundsätzlich Inklusion als positiv bewerten. Doch die Studie enthält auch Erfreuliches für die Inklusionsbefürworter.. Eltern, deren Kind eine Inklusionsklasse besucht, sind von dem gemeinsamen Lernen deutlich überzeugter als Eltern ohne diese Erfahrungen. Die Autoren empfehlen deshalb einen weiteren Ausbau der Inklusion, flankiert durch "gute schulische Rahmenbedingungen". Auch Musenburg setzt auf die Zeit. "Die Forderungen nach mehr Ressourcen und besserer Ausbildung sind wichtig. Gleichzeit braucht ein Mammutprojekt wie die Inklusion auch Zeit", erklärt er. Positive Erfahrungen seien dabei der beste Weg um eine inklusive Haltung zu entwickeln - nicht nur in der Schule, sondern auch im alltäglichen Leben.

Der Autor ist freier Journalist mit den Schwerpunkten Bildung und Familie.
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