Birk Grüling

freier Journalist für Gesellschaft und Bildung, Buchholz

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Von der Champions League ins Klassenzimmer

Früher Fußball-Profi, heute Grundschullehrer. Was vielen Menschen wohl als Gegensatz erscheint, ist für Knut Reinhardt ein Leben mit zwei Traumberufen. Anfang der 90er Jahre wird der Junge aus Hilden zum Bundesliga-Star. Auf dem Platz ist er sicher kein Schöngeist, eher ein Kämpfer, der für den Erfolg hart arbeiten muss. Vom Dortmunder Publikum wird er genau dafür geliebt. Die Borussia erlebt damals glorreiche Zeiten. Die Mannschaft wird unter Ottmar Hitzfeld zweimal deutscher Meister und gewinnt die Champions League. Wenn Reinhardt auf der linken Seite zum Sprint ansetzt, hallt ein langgezogenes „Knuuuut" durch das Westfalenstadion.

Doch seine Zeit auf dem Rasen, in seinem ersten Traumjob, ist begrenzt. Nach über zehn Jahren als Profi und sieben Operationen macht das Knie nicht mehr mit. Mit 32 Jahren muss Reinhardt seine aktive Karriere beenden und braucht eine neue Beschäftigung. Trainer, Spielerberater oder doch lieber TV-Experte? Die großen Spieler seiner Generation bleiben im wohlig-warmen Rampenlicht des Fußball-Kosmos: gut bezahlt und weiterhin prominent.

„Ich habe nach einer Beschäftigung gesucht, die mich langfristig glücklich macht. Die Arbeit als Trainer oder Spielerberater hat mich überhaupt nicht gereizt", erklärt der heute 49-Jährige. Er spricht mit Freunden, sucht selbst nach einem Sinn für den „zweiten" Lebensabschnitt nach dem Fußball.

Grundschule als neue Perspektive

Die Antwort darauf heißt Grundschullehramt. Reinhardt kann gut mit Kindern. Außerdem ist der Beruf sicher genug, um eine Familie zu ernähren. Trotzdem ist der Berufswechsel keine leichte Entscheidung. Mit Mitte 30 muss er wieder die (Hoch-)Schulbank drücken. Fünf Jahre lang studiert er Mathe, Sport und Deutsch auf Lehramt, bringt danach zwei Jahre Referendariat hinter sich. Nebenbei gibt er Nachhilfe, die Rücklagen aus dem Profileben finanzieren das Haus und die Familie.

An der Dortmunder Uni bekommt Reinhardt keinen Profi-Bonus. Um seine Schwimmprüfungen zu bestehen, radelt er jeden Morgen ins Dortmunder Nordbad und zieht mit den Senioren seine Bahnen. Auch mit Mathe tut er sich in den ersten beiden Semestern schwer. Wie schon auf dem Platz gibt Reinhardt jedoch nie auf und kämpft sich durch das Studium. „Die fünf Jahre an der Uni waren schön, aber auch ziemlich anstrengend. Am Ende habe ich zu meinen Dozenten gesagt, dass sich der Abschluss wie ein zweiter Champions League Sieg anfühlt", sagt Reinhardt.

Brennpunktschule als Herausforderung

Mittlerweile unterrichtet er seit zehn Jahren an der Grundschule Kleine Kielstraße. Sie liegt in Mitten der Dortmunder Nordstadt, einem sozialen Brennpunkt oder wie es die Politik ausdrückt „einem Viertel mit besonderem Erneuerungsbedarf". Die 400 Schüler der Schule kommen aus 27 Nationen, 83 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, drei Viertel beziehen Unterstützung aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Reinhardt lernt die Schule bereits im Studium kennen und entscheidet sich zu bleiben.

„Die Art und Weise, wie hier mit den Problemen und unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler umgegangen wird, hat mir von Anfang an imponiert", sagt er. Um der heterogenen Schülerschaft gerecht zu werden, setzt die Grundschule auf ein besonderes pädagogisches Konzept. Es gibt kaum Schulbücher oder Frontalunterricht, die Klassen sind jahrgangsgemischt. Auch die Lehrer arbeiten jahrgangsübergreifend zusammen und entwickeln gemeinsam den Unterricht. Jedes Kind bekommt einen eigenen Lernplan. Noten gibt es erst, wenn die Schüler bereit dafür sind. Die Eltern werden stark in den Schulalltag einbezogen. Für diesen Ansatz wurde die Grundschule bereits mehrfach ausgezeichnet und gilt bundesweit als Vorzeige-Einrichtung.

Den Spaß am Lernen darf nicht zerstört werden

Natürlich kostet der Kampf um jedes Kind und seine Zukunft auch viel Kraft und Zeit. Als Lehrer ist Reinhardt viel mehr als nur ein Wissensvermittler, er ist Papa-Ersatz, Sozialarbeiter und Kummerkasten. „Ich sehe wochentags die Kinder mehr als ihre Eltern. Dieses Vertrauensverhältnis möchte ich nutzen, um ihnen Werte zu vermitteln, die sie im Elternhaus so nicht erfahren", sagt er. Der Pädagoge ermutigt sie, selbstständig zu entscheiden und Verantwortung für einander zu übernehmen. Außerdem sollen die Kinder erfahren, dass Anstrengung belohnt wird - egal ob auf dem Fußballplatz oder im Matheunterricht.

Bei den Kindern ist der Ex-Profi beliebt, auch weil er die meisten Konflikte mit Geduld und Humor löst und sich wirklich für die Schüler interessiert. „Mir ist wichtig, dass die Kinder gern zum Unterricht kommen und ihnen die Schule Spaß macht. Grundschüler haben ja noch richtig Spaß am Lernen und diese Lust darf nicht zerstört werden", sagt Reinhardt.

Natürlich stößt der Pädagoge dabei auch manchmal an seine Grenzen. Im Buch erzählt er von einem Mädchen, das jeden Nachmittag in die Stadt geht, um ein billiges T-Shirt zu kaufen, und im Unterricht ständig nach dem Schulschluss fragt. „Bei solchen Kindern kann ich als Lehrer wenig ausrichten", lautet sein Fazit. Sich das Scheitern einzugestehen, fällt Reinhardt merklich schwer. Immerhin will er jedem Kind die bestmögliche Perspektive bieten. Und aufzugeben war noch nie sein Ding.

Das Buch „Wenn Fußball Schule macht. Mein Weg vom Fußballprofi zum Lehrer" von Knut Reinhardt ist im Verlag Edel erschienen. In dem Buch schreibt er über seine Zeit als Profi und seine Erlebnisse im Klassenzimmer. Außerdem nutzt Reinhardt seine Autobiografie, um über wichtige Themen wie Integration, Chancengleichheit und Bildung zu sprechen.
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