Birk Grüling

freier Journalist für Wissenschaft, Gesellschaft und Bildung, Buchholz

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Dem Volk aufs Maul geschaut

Flugblaetter im

Es ist ein kalter Adventssonntag im Jahre 1521. Martin Luther greift wie jeden Morgen zum Federkiel. Seit Mai sitzt er auf der Wartburg fest, als Junker Jörg getarnt. Friedrich der Weise, der Kurfürst von Sachsen, versteckt ihn hier vor dem Zugriff des Kaisers. Genau wie Luther ist er ein Gegner der kaiserlichen Zentralgewalt und des geldgierigen Papsttums. Die schützende Hand hat Luther dringend nötig. Karl V. erklärte ihn wegen seiner theologischen Auffassungen für vogelfrei. Zum Schweigen bringt der Gegenwind Luther allerdings nicht. Im Gegenteil: In seiner Studierstube im Obergeschoss des Vogteigebäudes verfasst er seitenweise Traktate über die Beichte, das Mönchswesen und die heilige Messe. Um den 21. Dezember, geplagt von Langeweile und Darmträgheit, nimmt er ein noch größeres Projekt in Angriff - die Übersetzung des Neuen Testaments ins Sächsische. Nur vier Monate wird er brauchen, Akkordarbeit für mehr als 220 Seiten.

Neu ist die Idee einer deutschen Bibel nicht. Als Luther die Arbeit beginnt, gibt es bereits ein Dutzend Übersetzungen. In gestelzter Sprache orientieren sie sich eng an den Formulierungen der hebräischen Originaltexte. Auch das veraltete Mittelhochdeutsch macht sie für den einfachen Bürger nur schwer lesbar. Aus gutem Grund: Die Bibel dient damals als Argumentationshilfe für Geistliche und sichert ihre Deutungshoheit. Dieser Haltung kann Luther nichts abgewinnen. Er will, dass jeder selbst in der Heiligen Schrift liest und sich eigene Gedanken macht. Der Mensch ist nur Gott selbst Rechenschaft schuldig und nicht der päpstlichen Kirche.

Er kreiert neue Redewendungen

Als Konsequenz dieser reformatorischen Gedanken will er eine Volksbibel schaffen. Die Besonderheit: Luther übersetzt das Neue Testament nicht nur, sondern macht die Inhalte für ein breites Publikum greifbar. Die Bilder und Gleichnisse aus der Zeit des frühen Christentums sind den Menschen damals fremd. Um passende Analogien zu finden, geht Luther auf die Straße, besucht Handwerker, lässt sich das Schlachten von Hammeln erklären. „Dem Volk aufs Maul schauen", nennt er das. Seine Übersetzung ist dabei keineswegs grobschlächtig, sondern voller poetischer Bilder und Wortneuschöpfungen. „Viele Redewendungen aus seiner Übersetzung haben sich bis heute gehalten. Zum Beispiel: die Zunge im Zaum halten, seine Hände in Unschuld waschen und Ende gut, alles gut. Dazu kommen neue Worte wie Denkmal, Sündenbock und Machtwort", erklärt Dirk Syndram, Historiker und Kurator der Sonderausstellung zum 500. Reformationsjubiläum „Luther und die Fürsten".

Auch Alliterationen liebte Luther: „Wogen und Wellen" oder „Stecken und Stab". Doch er vergrößert nicht nur den Wortschatz, sondern macht das Deutsche in einer Zeit literaturfähig, in der Latein als Sprache der Kirche und Wissenschaft und Französisch als Sprache des Adels dominieren. „Luther legt mit der Wahl der „obersächsische Kanzleisprache" die Grundlage für unsere heutige Sprache", sagt er. Die Wahl des Obersächsischen für seine Bibelübersetzung ist kein Zufall. Es ist die Amtssprache der Kanzleien, eine Sprache, die die meisten Menschen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen verstehen - abgesehen von regional vorhandenen Sprachbarrieren und kleineren Missverständnissen. Grund dafür: Die damaligen Dialekte sind deutlich ausgeprägter. Luther selbst sagte einmal, man brauche nur 30 Meilen im Lande reisen und die Menschen verstünden einen nicht mehr. Er nutzt für seine Übersetzung kein Schriftdeutsch, sondern eine mundartliche Sprache. Seine Bibel ist nicht zum Stilllesen gedacht, sondern zum lauten Vortragen.

Die erste Auflage hat 3000 Exemplare

Im Februar 1522 beendet Luther seine Übersetzung des Neuen Testaments. Bereits im September erscheint die erste illustrierte Ausgabe des „Newe Testament Deutzsch", mit einer für damalige Verhältnisse riesigen Auflage von 3000 Exemplaren, gedruckt vom Wittenberger Buchdrucker Melchior Lotter der Jüngere. Innerhalb weniger Tage ist das Buch vergriffen, trotz eines stolzen Preises von etwa vier Gulden, damals ein Monatslohn eines Handwerkers. Doch gerade im Bürgertum gibt es ein großes Interesse an deutschsprachiger Literatur und Gebeten. Schon im Dezember erscheint eine zweite Auflage, dem immer effektiveren Buchdruck sei Dank. Auch sie ist schnell vergriffen.

Doch auch Luthers Gegner lassen nicht locker. Schon im Erscheinungsjahr stellt der sächsische Herzog Georg der Bärtige den Besitz und den Verkauf der Luther-Bibel unter Strafe. Luther kümmert das herzlich wenig. Inzwischen hat er mit der Übersetzung des Alten Testaments begonnen. Zwölf Jahre wird er daran arbeiten. In der publizistischen „Versenkung" verschwindet er keineswegs, vielmehr bleibt Luther ein meinungsstarker Bestsellerautor. „Ein Viertel der gesamten Veröffentlichungen dieser Zeit stammen von ihm", erklärt Syndram. Unzählige Predigten und Kirchenlieder schreibt er nieder und verbreitet sie als Flugblätter. Es geht Luther um Themen wie das Seelenheil, den Ablasshandel und die Vergebung von Sünden und die Verkürzung der Zeit im Fegefeuer. Er will den Glauben der breiten Öffentlichkeit auf alte Grundsätze zurückführen und den Missbrauch der Kirche eindämmen. Mit Erfolg: Mit seinen Schriften beeinflusst er die öffentliche Meinung bis hoch zu den Fürsten. Beflügelt wird sein Schaffen von Engagement der Wittenberger Buchdrucker.

Unglaublich erfolgreiche Gesamtausgabe

Sein „Meisterstück" erscheint dann 1534 - die vollständige Luther-Bibel, mit kurfürstlichem Druckprivileg ausgestattet. Wieder ist die erste Auflage von 3000 Stück schnell vergriffen. Das ist nur der Anfang. In den folgenden Jahrzehnten wird die Gesamtausgabe zu einem unvergleichlichen Erfolg. Als Luther 1546 stirbt, sind bereits 430 verschiedene Ausgaben seiner Bibel erschienen und über 500000 Exemplare verkauft worden: genug, um etwa jeden vierten Haushalt im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen mit einem Exemplar zu versorgen. Gedruckt werden die Luther-Bibeln in fast jeder Druckerei von Magdeburg, Bern und Straßburg. Der Entwicklung des neuen Hochdeutsch gibt sein Werk damit einen entscheidenden Schub. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet auch die junge evangelische Kirche, die Luthers Bibeldeutsch mit Predigten, Kirchenliedern und Schulunterricht unter das Volk bringt. Selbst Thomas Mann wird später schwärmen, „Luther hat durch seine gewaltige Bibelübersetzung die deutsche Sprache erst recht geschaffen".

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