Bianca Leppert

Freie Autorin und Redakteurin, München

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Erlkönige: Versteckspiel auf der Straße - SPIEGEL ONLINE

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Erlkönige Versteckspiel auf der Straße


Von Bianca Leppert


Erlkönige - also getarnte Automobil-Prototypen - fallen den meisten nur wegen ihrer auffälligen Beklebung auf. Aber wieso eigentlich dieser ganze Aufwand? Dahinter steckt viel mehr als nur ein verrücktes Muster.


"Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?" "Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?" Das gleichnamige Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe war die Vorlage für die heute geläufige Bezeichnung jener Fahrzeuge. Anfang der fünfziger Jahre dichteten zwei Motorjournalisten die Zeilen um, und nutzten sie mit der Überschrift Erlkönig als Begleittexte für Fotos von Prototypen in ihrer Zeitschrift. Fortan etablierte sich die Bezeichnung in der Fach- und Alltagssprache.


So mystisch wie das Gedicht, so viele Geheimnisse ranken auch um die Prototypen. Sie sind das am besten gehütete Gut der Automobilhersteller. Und das am schwierigsten zu hütende. Denn die neuen Modelle müssen im öffentlichen Straßenverkehr erprobt werden, um auf alle Anforderungen vorbereitet zu sein. So besteht das Risiko, von gewieften Erlkönig-Jägern fotografiert zu werden. Damit das nicht passiert, haben die Autohersteller verschiedene Strategien.


Zum einen, die oft in der frühen Entwicklungsphase eingesetzten Hartschalen-Teile, zum anderen Spezialfolien. "Früher hat man noch versucht, die Autos komplett mit Hartschalen zu verkleiden und somit unkenntlich zu machen", erinnert sich Hubertus Ackermann, der bei BMW für den Prototypenschutz verantwortlich ist. "Irgendwann hat man erkannt, dass dies nicht so zielführend und der Hersteller meist zu zuordnen war. Diese Bauteile, mit denen gearbeitet wurde, haben außerdem den Nachteil, dass es Gewichtsprobleme gibt, die Anströmung stört und damit die Erprobung beeinflusst wird."


Die Krux besteht darin, die Testergebnisse nicht zu verfälschen, gleichzeitig aber so wenig wie möglich vom Aussehen des Autos preiszugeben. Deshalb kommen seit rund fünf Jahren bei BMW Spezialfolien zum Einsatz. Komplett ohne Tarnung würde der Prototyp dem Laien vielleicht nicht auffallen, für die Erlkönig-Jäger wäre es jedoch eine leichte Beute. "Wir orientieren uns bei der Tarnung am liebsten an der Natur. Ein Chamäleon oder eine Tarnkappe wie im Nibelungenlied wäre natürlich perfekt", sagt Ackermann und lacht.

Kubistische Muster, Striche oder Flammen


Die BMW-Modelle sind oft an einem auffälligen Kreis-Muster zu erkennen. Dieses hat sich in internen Analysen über die Jahre bewährt. "Das menschliche Auge lässt sich täuschen", erklärt Ackermann. "Deshalb ist maßgeblich, was die Oberfläche verändert oder verwirrend erscheinen lässt."


"Dieses sogenannte Camouflage-Muster lenkt das Auge ab", sagt Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim. "Man kann beispielsweise die Schulterlinie nicht mehr richtig erkennen. Das funktioniert wie bei einem Clown, der sich ein großes Lächeln ins Gesicht malt. So ist die eigentliche Form des Mundes von Weitem nicht mehr zu sehen."


Im Gegensatz zu einem Designer, der gerne mit hellen Farben arbeitet, sind die Erlkönige in dunklen Farben gehalten. Die Spezialfolien sind meistens schwarzweiß. "Das ist der größte Kontrast für das Auge", erklärt Fügener. Bei den Formen sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Kubistische Zacken, Striche, Schachbrettmuster, florale Muster, weiße Dreiecke auf schwarzem Grund und sogar Flammen. "Die mögen auf den ersten Blick witzig wirken, in unserer Wahrnehmung zerstören sie aber die horizontalen und vertikalen Linien", sagt Fügener.


"Die Verhüllung eines Erlkönigs ist ein absoluter Sonderfall für einen Designer", weiß Fügener. "Er macht das Gegenteil von dem, was er sonst macht. Eigentlich arbeitet er eine Skulptur heraus, nun versucht er, alles was ein Fahrzeug charakterisiert, zu verstecken."

Trotz der vielen Tricks haben die Abteilungen für Geheimhaltung bei den Autoherstellern einiges zu tun. Auch innerhalb des Werksgeländes gilt es, die Prototypen vor neugierigen Blicken zu schützen. Zu bestimmten Bereichen haben Mitarbeiter nur mit einem speziellen Ausweis Zutritt, hohe Zäune im Werk und eine Überwachung machen Spionage schwierig.

Erlkönig-Jäger lassen sich nicht so einfach abschütteln. Oft harren sie stundenlang vor den Werkstoren aus oder reisen zu Testgebieten bis nach Nordfinnland, um ein Foto von zukünftigen Modellen zu schießen. "Früher waren die Erlkönig-Jäger viel aggressiver, heute hält sich das in Grenzen", meint Ackermann. Die Trumpfkarte der Testfahrer ist die Taktik. Sie achten darauf, nicht in einem regelmäßigen Schema an bestimmten Orten aufzutauchen. Oder sie suchen den Schutz der Dunkelheit und reiten durch die Nacht. Wie schon die Hauptfigur in Goethes Gedicht.

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