Bernd Eberhart

Wissenschaftsjournalist, Tübingen

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Artikel

Kampf der Katze

Die australische Regierung will zwei Millionen verwilderte Katzen töten. Was steckt hinter diesem Vorhaben? Und macht es überhaupt Sinn?


Natur soweit das Katzenauge reicht, keine Feinde weit und breit, schmackhafte Beuteltiere en masse – Australien ist ein Paradies für verwilderte Katzen. Denn während die Vögel, Reptilien und kleinen Säugetiere der alten Welt nach jahrtausendelanger Koevolution stets auf der Hut sind vor dem listigen Schleicher, reagieren ihre australischen Kollegen ziemlich unbedarft auf die Katze. Sie sind besser auf die natürlichen australischen Räuber eingestellt.

Doch nun soll die Katze vertrieben werden aus diesem Paradies. Mit dem umfassenden Programm der „Threatened Species Strategy“ will die australische Regierung ihre kostbare Artenvielfalt retten. Den Stubentiger und seine verwilderten Artgenossen hat sie in diesem Rahmen als wichtigsten Grund für das Aussterben der australischen Fauna benannt – und bläst zum Großangriff. Die Regierung will bis zum Jahr 2020 zwei Millionen verwilderte Katzen töten lassen. Auf teils abenteuerliche Weise: Mit großflächig ausgelegten Giftködern etwa oder mit sensorgesteuerten Fallen, die giftige Gels auf das Fell vorbeistreunender Katzen sprühen. Sie lassen die nächste Katzenwäsche tödlich enden. Außerdem Katzenspürhunde, Betäubungsgewehre oder scharfe Munition, lebende Beutetiere mit implantierten Giftkapseln, tödliche Fallen aller Art – das Repertoire australischer Katzenjäger klingt wahrlich schauderhaft. Kein Wunder, dass die Pläne zur großangelegten Katzenkontrolle nach Veröffentlichung im Sommer 2015 für große Aufregung unter Tierschützern sorgten: Die bestürzte Brigitte Bardot schrieb einen Brief an Umweltminister Greg Hunt ob dieses „Tier-Genozids“, der Ex-Smiths-Sänger Morrissey nannte die australische Regierung einen „Haufen Schafzüchter ohne jeglichen Respekt für Tiere“.

Seit Ankunft der Europäer ist der australische Kontinent um rund 130 Pflanzen- und Tierarten ärmer. Und mit die erfolgreichsten Artenkiller in diesem Prozess waren die Katzen. Im 17. Jahrhundert erstmals von holländischen Seefahrern im Westen Australiens eingeschleppt, hatten sich die verwilderten Räuber bis Mitte des 19. Jahrhunderts über den ganzen Kontinent verbreitet. In mindestens 27 Fällen wird ihnen die Hauptschuld am Aussterben einer Säugetierart bescheinigt. Auch die aktuelle Statistik ist beeindruckend: Die geschätzt zehn bis 20 Millionen verwilderten Katzen in Australien erlegen Tag für Tag viele Millionen einzelner Tiere. Gemeinsam mit den ebenfalls eingeschleppten Füchsen bedrohen sie die Existenz von über 140 australischen Spezies; jede fünfte Säugetierart und zahlreiche Frösche, Schlangen und Vögel sind durch die geschickten Räuber akut gefährdet. Giftköder und Katzenfallen sollen nun den Tasmanischen Langnasenbeutler oder den Schwarzschwanz-Beutelmarder vor dem Aussterben bewahren.

Für den Tierfreund klingen diese Pläne grausam, natürlich. Mit Fokus auf die einzelne Katze stellt sich die Frage: Ist diese Drastik nötig, gibt es keine weniger brutale Lösung für das Katzenproblem? Auf der Ebene des Ökosystems aber – auf der Individuen keine Rolle spielen – lautet die Frage eher: Bringt das was? Bei all den eingeschleppten Arten, bei all den Kaninchen, Kröten und Kamelen, bei dem riesigen Ungleichgewicht, das inzwischen in der australischen Flora und Fauna herrscht, machen zwei Millionen Katzen da einen Unterschied?

 „Im Großen und Ganzen ist die ‚Threatened Species Strategy‘ sehr gut“, sagt Chris Johnson, der an der University of Tasmania den Fachbereich für Artenschutz und Wildtiermanagement leitet. „Sie fördert das Bewusstsein für bedrohte Arten und erörtert verschiedene Lösungswege.“ Allerdings, die ausgerufene Zahl von zwei Millionen Katzen hält der Ökologe für Quatsch: „Zunächst wissen wir gar nicht genau, wie viele verwilderte Katzen überhaupt da draußen leben. Und dann ist es schwierig, die tatsächlich getöteten Katzen zu zählen.“ Vor allem aber könne es gut sein, dass das Töten der Katzen letzten Endes keinerlei Effekt hat – dann nämlich, wenn ihre Artgenossen ungestört in ein zuvor gesäubertes Gebiet wieder einwandern können. Die Tiere sind schlau, sie sind anpassungsfähig, sie sind mobil. Und äußerst fruchtbar. Nach einem halben Jahr hätten sie den ursprünglichen Bestand locker wieder hergestellt, sagt Johnson. Für einen dauerhaften Erfolg müssten die Australier also auch die allerletzte Katze von ihrem Kontinent verbannen. Ein Ding der Unmöglichkeit. „Aber Politiker lieben große Zahlen. Darum haben sie die zwei Millionen erfunden.“ 

Natürlich gibt es die Möglichkeit, speziell abgezäunte Naturschutzgebiete oder Inseln radikal von Katzen zu befreien, um eine erneute Immigration zu verhindern. Unter diesen Umständen seien die Köder und Fallen sinnvoll, meint Chris Johnson. Tatsächlich, zwei weitere der erklärten Strategie-Ziele lauten: fünf katzenfreie Inseln bis 2020, zehn katzenfreie, abgezäunte Areale auf dem Festland. Künstliche Zufluchtsorte für die geplagte heimische Fauna also. Doch lassen die Mittel eben nur relativ kleine Gebiete zu. Außerdem: Wo keine Katze reinkommt, da bleiben auch Wallabys, Possums und Langnasenbeutler außen vor und natürliche Wanderrouten oder Paarungen mit den Artgenossen innerhalb des Zaunes ausgeschlossen.

Zudem muss in einem Ökosystem – sei es auch ein so angeschlagenes Ökosystem wie das australische – immer die Gesamtheit der zwischenartlichen Beziehungen bedacht werden. Und ironischerweise tragen Katzen dazu bei, einen anderen ungeliebten Einwanderer in Schach zu halten: Die vielen Kaninchen, die mit einheimischen Beuteltieren konkurrieren. Mehr Katzen bedeuten weniger Kaninchen. Aber je weniger Kaninchen, desto mehr einheimische Arten stehen auf dem Speiseplan der Katzen – ein kompliziertes Gefüge, das durch unvorsichtige Eingriffe noch mehr aus den Fugen geraten kann.

Eine einfache Lösung gibt es nicht, so viel ist klar. Und obwohl hinter der Katzenstrategie sicherlich gute Absichten stecken, sieht Jörn Fischer von der Universität Lüneburg darin auch eine Art Ablenkungsmanöver. Der Landschaftsökologe hat über zehn seiner Forscherjahre in Australien verbracht und kennt die dortigen Verhältnisse gut. „Verwilderte Katzen sind in Australien ein Sinnbild für das Ungleichgewicht in der Natur. Die Tötung von Katzen lässt sich da politisch riskieren.“ Der Aufschrei der Tierschützer findet eher international statt. „Die Australier sind aber sehr stolz auf ihre Farmer und auf ihre Landwirtschaft“, erklärt Jörn Fischer. Das Bild des frühen Siedlers, des zähen Farmers, der Sonne und giftigen Tieren und Gestrüpp trotzt und das Land urbar macht, darin verorten viele weiße Australier ihre Identität. Neben den Katzen, anderen invasiven Arten und dem Klimawandel ist ein weiterer Hauptgrund für das australische Artensterben allerdings der Habitatsverlust – also natürlicher Lebensraum, der vor allem Ackerland zum Opfer fällt, den Monokulturen, der Intensivierung der Landwirtschaft. „Gerade die amtierende konservative Partei tut sich aber schwer, gegen die starke Agrarlobby Stellung zu beziehen“, sagt Fischer. Die australische Regierung macht das also recht geschickt. Sie redet nicht so gern über den Habitatsverlust, denn das würde mit dem Sinnbild des australischen Farmers kollidieren. Da ist es leichter, Katzen ins Visier zu nehmen.

Die Katzen sind also auch – obwohl durchaus an der Misere beteiligt – eine Art Sündenbock für eine ganze Reihe von Gründen für das australische Artensterben. Womit dennoch die Frage bleibt: Was tun gegen die Räuber mit dem großen Appetit?

„Wir brauchen den Dingo“, sagt Chris Johnson. Ein anderer Immigrant, ein weiteres verwildertes Haustier soll es also richten? Erst vor geschätzt 4000 Jahren gelangte der Dingo aus Asien nach Australien. Und die Farmer können ihn gar nicht leiden, diesen verwilderten Hund, reißt er doch Schafe und Ziegen. Mit Gift und Gewehren und einem über 5000 Kilometer langen Dingozaun halten sie ihn in Schach und haben in Teilen des Landes geschafft, was bei den Katzen so schwer fällt. „Seit der Beutelwolf ausgestorben ist, fehlt hier ein großes Raubtier an der Spitze der Nahrungskette“, erklärt Johnson. Der Dingo könnte den Job übernehmen – und nicht nur Katzenpopulationen dezimieren, sondern auch deren Bewegungsradien verkleinern. Und er würde den Katzen Angst einjagen, sie würden defensiver, vorsichtiger, weniger gierig. Die Beziehungen zwischen den Tierarten auf dem Kontinent könnten wieder ein wenig mehr Balance erlangen.

Die Farmer sind allerdings nicht so begeistert von der Idee. Und Brigitte Bardot? Sie muss sich entscheiden, zwischen dem Wohl einzelner Katzen und dem Wohl eines ganzen Ökosystems. Aber wer weiß, vielleicht hat sie ja auch ein Herz für den Dingo.




Fotocredit:
von Llann Wé² (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons