Barbara Streidl

Journalistin und Musikerin, München

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Artikel

Hillary Clinton: Auch als Frau gescheitert

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Hillary Clinton hat sich nie damit abgefunden, etwas nicht zu dürfen oder zu können, weil sie weiblich ist. Nun muss sie, vielleicht zum ersten Mal in ihrem politischen Leben, doch damit zurechtkommen.


Soll eine Frau „leader of the free world" sein? Am Ende ging es um diese Frage bei den US-Präsidentschaftswahlen. Nach einem für die ganze Welt anstrengenden Wahlkampf folgt nun Donald Trump Barack Obama nach, als 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Die Frau, Hillary Clinton, hat es nicht geschafft. Seit rund 30 Jahren steht sie „ihre Frau" im Politikbetrieb, hat alle Facetten von medialen Hetzkampagnen kennengelernt und jeden Abgrund eines Wahlkampfs ausgelotet. Seitdem ihr Mann Gouverneur von Arkansas wurde, wird jedes Detail aus Hillary Clintons Leben genau betrachtet - vor allem die Geschichtchen, die ihr schaden könnten, werden hervorgezogen. Dabei ist Hillary Clinton niemals ein Liebling gewesen, immer schon galt sie als eigensinnig, sehr ehrgeizig und natürlich feministisch. Vielleicht ist ihr das am Ende doch zum Verhängnis geworden.

Gefragt nach Vorbildern, nennt Clinton vor allem Eleanor Roosevelt. In Bob Woodwards Buch von 1996 über ihren Mann erfährt man, dass sie besonders in den schwierigen Zeiten, in denen sie sich zerrissen fühlte zwischen „New-Age-Feministin und Hausfrau der Nation" Trost fand in imaginären Gesprächen mit der früheren First Lady. Auch Eleanor Roosevelt gilt als Feministin, die besonders um soziale Reformen kämpfte, was ihrer Auffassung nach eine Herzensangelegenheit für jede Frau in der Politik sein sollte: Im Gegensatz zu Männern, denen es um ihre eigenen Karrieren geht, haben Frauen einen Blick aufs Ganze. Ein Blick, der Donald Trump offensichtlich fehlt.


Hillary Clinton wollte sich auch durch ihr Geschlecht abheben von ihren Vorgängern. Gerade eben, im Wahlkampf, hat sie Sätze gesagt wie „Wollt ihr keine Frau als Präsidentin?" Das hat nicht jedem, und besonders nicht allen Frauen in den Vereinigten Staaten gefallen: „Eine Frau - ja. Aber nicht sie", meckerten die einen. „Differenzfeminismus reicht nicht aus", die anderen. Differenzfeminismus bedeutet in einfachen Worten, dass es einen Unterschied gibt zwischen Mann und Frau, also zwischen Bill und Hillary Clinton. Diesen Unterschied mögen einige nicht, weil sie Frausein und Mannsein als echte Kriterien abstreiten. Weil Menschen - frei nach Simone de Beauvoir - etwa zu Frauen gemacht werden, von der Außenwelt, die eben nur binär denken kann. Manche lehnen Hillary Clinton ab, weil sie ihr einen „limitierten Feminismus" unterstellen: Eine weiße, wohlhabende Frau, die Allianzen schmiedet mit großen Machtinhabern wie dem Walmart-Konzern, nützt „der Sache" vielleicht weniger als dass sie ihr schadet. Diese vermeintliche Limitierheit hat am Ende auch dafür gesorgt, dass sie unterlegen war.



Dass Hillary Clinton eine Frau ist, lässt sich etwa damit belegen, dass sie Mutter einer Tochter ist. Und fern von den Debatten über Differenz und Limitiertheit wäre es hier doch mehr darum gegangen, „wer" dieser Mensch namens Hillary Clinton ist, und nicht „was". „,Frauen' ... sind nicht Menschen, die aufgrund von objektiv bestimmbaren Kriterien zu dieser Gruppe gehören, sondern Menschen, die sich entschließen, in Freiheit eben, ‚Frauen' zu sein, um damit ein politisches Projekt zu verfolgen." Das schreibt die Frankfurter Publizistin Antje Schrupp in ihrem Blog, und genau das hat Hillary Clinton in diesem endlos währenden Wahlkampf nachhaltig getan: ein politisches Projekt als Frau verfolgt. Und sie ist auch als Frau gescheitert, das Oval Office wird ein weiteres Mal von einem Mann und seinem Stab besetzt.



Warum soll eine Frau an der politischen Spitze einer Nation stehen? In der Bundesrepublik ist dieses Szenario seit nunmehr elf Jahren Realität: Angela Merkel, die in ihrem Wahlkampf als „Kohls Mädchen" belächelt wurde, die mit medialen Spitzen à la „Kann-di-dat?" heruntergeschrieben wurde und auf ihr - nicht mit den Maßen von Heidi Klum konkurrenzfähiges - Aussehen reduziert wurde, ist heute darüber hinweg. Zumindest von außen betrachtet. Merkels Biografin, die Hauptstadtjournalistin Evelyn Roll, erzählt gerne über die Anfangszeit der Kanzlerin: „Sie hat sich Gedanken gemacht: Wie nimmt eine Frau eine Militärparade ab? Weil sie die erste war, die das in Deutschland macht, hatte sie die Freiheit und die Aufgabe, sich aus dem Instrumentenbaukasten der Macht die Dinge herauszusuchen, die zu ihr passen." Das hat für Veränderung gesorgt: Heute wirkt Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen aus dem Kabinett Merkel ziemlich normal auf einer Militärparade.


Als Merkel ins Kanzler(innen)amt einzog, stand sie vor einem Scherbenhaufen: Ihre eigene Partei, die CDU, hatte bedingt durch das Ende der Ära Kohl starke Schlagseite erlitten, nach verlorener Wahl und dem Spenden-skandal. Kohls Nachfolger Gerhard Schröder hoffte durch vorgezogene Bundestagswahlen eine neuerliche Stärkung seiner politischen Position. Der Rest ist Geschichte. 2005 wurde Angela Merkel von der Fraktionsvorsitzenden zur Bundeskanzlerin, mit dem drittschlechtesten Wahlergebnis in der Geschichte der CDU: Offensichtlich war das Vertrauen der Deutschen in diese Partei nach wie vor angeschlagen. Merkel selbst erhielt von den Bundestagsabgeordneten mehr Stimmen als jeder ihrer Vorgänger, hier gab es einen großen Vertrauensvorschuss in sie: Hatte sie sich ja auch nicht wie Kohl in einem männlichen Ehrenwort verfangen, das ihre Partei fast ins Bodenlose stürzte.


Heute, im letzten Jahr ihrer dritten Amtszeit, steht Angela Merkel vor einem neuerlichen Scherbenhaufen: Diesmal ist nicht bloß die christlich-soziale Parteimacht in Zerfall begriffen, sondern die Moral der Gesamtbevölkerung. Ausgelöst durch die tatsächlich christliche Haltung der Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage im vergangenen Jahr konnten Populisten wie die AfD starken Zuwachs verzeichnen, was Folgen mit sich bringt, deren Ausmaß bis heute unklar und bedrohlich zugleich ist.


In einem ähnlichen Dilemma steht Theresa May, seit Juli dieses Jahres britische Premierministerin. Auch ihrem Amtsantritt ist ein politischer Machtzerfall, bedingt durch ihren Vorgänger David Cameron, vorausgegangen: Camerons Verhandlungen in der Europäischen Union hinsichtlich der Aufnahme von Flüchtlingen gefielen seinen politischen Gegnern nicht. Der Ruf nach einem Verlassen der EU wurde immer lauter, so dass Cameron schließlich ein Referendum einleitete, um für oder gegen einen „Brexit" zu stimmen. Er hat sich verkalkuliert, offensichtlich: Eine knappe Mehrheit befürwortete eine Trennung von der EU, Cameron trat von seinem Amt zurück. Das seine politischen Gegner nun auch nicht mehr haben wollten, vielleicht scheuten sie den immensen Scherbenhaufen.

Übernommen hat schließlich Theresa May: Die frühere Innenministerin ist nach Maggie Thatcher die zweite britische Premierministerin. Wie Angela Merkel ist Theresa May kinderlos, anders als ihre deutsche Kollegin hat sie sich schon mal für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen ausgesprochen. Welchen Plan Theresa May nun ausarbeitet, um dagegen anzugehen, dass die Glaubwürdigkeit des politischen Systems ihres Landes abhanden gekommen ist, dass gedankliche Faulheit und niedere Instinkte in der Bevölkerung mehr wert sind als Moral, das wird sich zeigen.



Zurück zu Hillary Clinton. Wie Angela Merkel und Theresa May stand sie im Wahlkampf einem gewaltigen Scherbenhaufen gegenüber: Zwar hat Barack Obama einen einigermaßen sauberen Schreibtisch, sogar das US-amerikanische Gesundheitssystem hat er reformiert - eine Aufgabe, bei der Hillary Clinton in ihrer Zeit als First Lady gescheitert war. Doch der Machtzerfall in den beiden großen US-Parteien ist weit fortgeschritten: ob es die Legalisierung von „Super-PACs" ist, die millionenschwere Konzerne in Sachen Parteispenden mit Einzelpersonen gleichsetzt, oder die gelebte Bewegungsunfähigkeit eines demokratischen Präsidenten, der keine einzige Idee von einem republikanischen Kongress absegnen lassen kann. Wer hier tatsächlich Politik machen möchte, braucht eine Menge Kreativität, sitzt der Stachel doch auf beiden Seiten sehr tief.

David Brooks, US-amerikanischer Journalist, hat kürzlich in der „New York Times" geschrieben, es gebe kaum einen jungen Evangelikalen, also radikal christlichen Republikaner, der für Donald Trump stimmen würde. Dafür jede Menge alte. Vielleicht auch einige dazwischen, wenn man die Wahlergebnisse analysiert.

Es gibt Parolen wie „Rettet die republikanische Partei: Wählt Clinton", etwa von James K. Glassman, der unter George W. Bush als Kommunikationsspezialist gearbeitet hat. Glassman schreibt auch: „Die Trump-Kampagne hat der republikanischen Partei ihre Glaubwürdigkeit gekostet. Wie erholen wir uns davon ?" Nun, Erholung steht der republikanischen Partei mit Trump als Präsidenten sicherlich nicht bevor.

Donald Trump hat den Machtzerfall der Republikaner perfekt ausgenützt, er ist in die Lücke gesprungen und hat es tatsächlich geschafft, so eine Umfrage des Public Religion Institutes, dass 72 Prozent der weißen Evangelikalen glauben, ein in seinem Privatleben unmoralischer Mensch könne ein guter Anführer der Vereinigten Staaten sein. Dieser Ansicht waren dieselben Leute zur Zeit von Bill Clintons Seitensprüngen mit Sicherheit nicht.

Die Mauer zwischen den USA und Mexiko, die Trump im Wahlkampf versprochen hat, um die Drogenhändler und Vergewaltiger künftig fernzuhalten, sein Betonen von vermeintlichen Wahrheiten, von „truthiness", wie der US-amerikanische Satiriker Stephen Colbert Meinungen nennt, die gefühlt wahr sind, in kalten Zahlen und Fakten gemessen aber falsch - kurz das ganze „Make America great again"-Gejubel steht in klarem Zusammenhang mit der Hexenjagd auf Hillary Clinton, die Trumps Anhänger durchgeführt haben. „Burn the witch", war auf seinen Veranstaltungen zu hören: Dass Trumps Kampagne auf diese Spielart der Misogynie einzahlte, zeigt einerseits den dahinterliegenden Sexismus. Andererseits ist hier klar zu erkennen, wie mit einer Frau umgegangen wird, die nach Höherem strebt: Sie wird, zumindest in den Träumen der Trumpianer, auf den Scheiterhaufen gezerrt. Was bedauerlicherweise auch ein gängiger Traum der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung zu sein scheint.

Kommen wir zurück zur alles entscheidenden Frage: Soll eine Frau „leader of the free world" werden? Nun, warum nicht? In einer Welt, die zunehmend von Diversity geprägt wird, darf es nicht darum gehen, welches Geschlecht ein Mensch im höchsten Amt hat - Mann, Frau, Transgender, Eichhörnchen oder unbekannt - es muss vielmehr darum gehen, was dieser Mensch zu bieten hat.

Leider ist die Mehrheit der Menschen in den USA nicht in der Lage gewesen, das zu erkennen: dass Hillary Clinton die Bessere war.

Hillary Clinton hat sich nie damit abgefunden, etwas nicht zu dürfen oder zu können, weil sie weiblich ist. Nun muss sie, vielleicht zum ersten Mal in ihrem politischen Leben, doch damit zurechtkommen. Die Vereinigten Staaten haben einen Schwarzen als „leader of the free world" akzeptiert, einen Mann, der dem Heiland gleich neuen Wind in verfahrene Strukturen bringen sollte. Eine Frau, die die Ärmel hochkrempelt und Probleme anzupacken bereit ist, das haben sie nicht gewollt.

Barbara Streidl setzt sich als Autorin, Journalistin und Musikerin vor allem mit frauenpolitischen Themen auseinander. Sie ist Mitbegründerin der feministischen Initiative „Frau Lila". Zuletzt erschien ihre Streitschrift „Lasst Väter Vater sein".
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