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Haute Couture: Mittelalter kommt in Mode

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Trendforscherin Li Edelkoort hatte im Frühjahr in einem Manifesto die Mode für tot erklärt, aber der Haute Couture ein glanzvolles Revival vorausgesagt. Sie gäbe neue Impulse für alle anderen, weil bei ihr neue Techniken ausprobiert werden würden. Das war sinngemäß das, was Li sagen wollte.

Nun gehe ich mit Madame Edelkoort im Grundtenor konform, dass man die ewigen Revivals der 50er, 60er, 70er, 80er, 90er über hat und sich endlich mal was Neues wünscht. Ist wirklich alles schon mal da gewesen, wirklich alles schon erfunden worden in der Mode? Die Designer sollten sich einfach mal wieder was erfinden. Oder ganz anders machen. Genau das haben sie auch gemacht - und zwar in dieser Haute Couture Saison.

Vergesst die 70er, denkt mal ein bisschen weiter ... zurück. Auf ein paar Jahrhunderte mehr oder weniger kommt es jetzt nicht mehr an. Wir tauchen tief ein in eine andere Epoche, also nicht die unsrige, die wir Neuzeit nennen. Im Trend liegt diesmal das Mittelalter und die spätere Renaissance. Begonnen hat dieses Revival der Burgfräuleins wie so oft bei Nicolas Ghesquière, der für die Louis Vuittons Resssort Kollektion in alten Formen schwelgte. Wie so oft verstand man nicht wirklich, was er wollte. Dementsprechend waren die Kommentare. Aber das kennt der Nicolas ja alles. Er wartet, die anderen folgen.

Als erster zog Raf Simons für Dior auf der Haute Couture nach. Er war der einzige, der auch zugab, woher seine Ideen stammten. Alle anderen machten mit, aber hüteten sich sorgsam zu sagen, dass ihre Inspirationen 1500 Jahre alt sind. Dass man so tief in die Klamottenkiste greift, kann man doch nicht zugeben. Oder hat irgendjemand gesagt, dass das dunkle und schmuddelige Mittelalter hip und cool ist?

Seit der Haute Couture Woche habe ich mich ein bisschen mehr damit mit der Zeit der Ahnen beschäftigt, mich eingelesen in die Welt der Ritter und Burgfräuleins, die plötzlich so modern geworden ist. Ich weiß nun, was eine Surkot und eine Houppelande ist und dass Kot ein altertümliches Wort für Kutte ist. Genau um die geht es nämlich bei der diesjährigen Haute Couture. Es geht um Kutten! Das muss man sich mal reinziehen. Bei der Haute Couture!

Aber ich greife vor. Um auch Euch in bisschen in „the medieval mood" zu bringen, zeige ich eine Galerie an Bildern, wie die Damen und Herren damals gekleidet waren. Sehr viele Bilder habe ich auf dem Website Historical Costumes gefunden, die ich hier gerne nennen will, auch wenn die wohl die Bildrechte auch nicht haben.

Dass das Mittelalter wieder „in" ist, verdanken wir auch der TV-Serie Games of Thrones, die allerdings die Kostüme schon sehr phantasiereich abgeändert haben, um ein bisschen mehr Erotik in Spiel zu bringen. Kleiner Hinweis am Rande: Heizungen gab es damals noch nicht. Sprich: Dekolletes bis zum Anschlag waren im echten Mittelalter eher nicht so praktisch. Denn Grippetabletten gab es auch noch nicht. Aber ich habe auch ein Szenenbild gefunden, dass modisch eher der damaligen Haus- und Wärmeausstattung gerecht wird.

Kommen wir nun zur Haute Couture: Historische Bezüge zu anno dunnemal lassen sich in fast allen Kollektionen entdecken:

Trompetenärmel finden sich zum Beispiel an Mänteln von Dior und Kleider von Stéphane Rolland.

Es gibt überdimensionale Kettenhemden wie bei Dior, Schnürungen statt Knöpfe wie bei Gaultier und Atelier Versace.

Antonio Ortega und Ulyana Sergeenko verpackten die Köpfe der Models in Häubchen oder umspannten sie mit Gitternetzen.

Kuttenartige Gewänder wie bei Julien Fournié, Adéline André oder Maison Margiela by Galliano sowie Surcots und Capes wie bei Ralph & Russo oder Loris Azzaro zeigen eine Mode so schlicht und hochgeschlossen, wie man sie lange nicht sah.

Es gibt Formen von Überkleidern in der Art von Surkots, Houppelandes oder Scherpen, wie die von Ralph & Russo, Loris Azzaro oder Valentino. Gerade in der Renaissance waren viele Obergewänder der Frauen vorne offen, teilweise an den Seiten aufgeschnitten, so dass sie ein mantelartiges Gewand bilden und die Pracht des Unterkleides sichtbar lassen.

Es ist eine reduzierte, mit dekorativen Elementen geizende Mode. Aber vielleicht auch eine, die in unsere Zeit und die angespannte Wirtschaftslage passt. Und sie entspricht, was Kathrin vor einiziger hier schrieb: einer neuen Strenge und Frömmelei in der Mode.

Die Beispiele sind so zahlreich, dass ich in der Galerie weitere Mittelalter- und Renaissance-Modelle aus der aktuellen Haute Couture zeige. Hier die schönsten Ritterfräulein-Outfits:

Auch die Materialien passen zur Trendinpiration Mittelalter: Es gibt viel Samt, Brokat und dicke, schwere Stoffe. Nicht zu vergessen die Pelzschau bei Fendi, dem Haute Couture Debütant, der zeigte, was er handwerklich kann.

Alles in allem halte ich es mit Li Edelkoort. Es ist nicht neu, aber anders. Und erfrischender als der hundertfachste Aufwasch der 70er und 50er Jahre. Es lebe das Mittelalter in der modernen Mode.

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