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Herzbericht: Weniger Tote durch Herzinfarkt

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Foto: Unsplash/Tim Marshall

Die gute Nachricht zuerst: 2017 sind weniger Menschen an Herzinfarkten gestorben, als noch im Vorjahr – das geht aus dem aktuellen Herzbericht hervor. Allerdings gibt es deutlich mehr Infarktote in Brandenburg, als in Berlin. Warum? Ein Gespräch mit Prof. Dietrich Andresen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, über mögliche Gründe, guten Stress und das Rezept für alle: Laufen.


Herr Prof. Andresen, welche neuen Erkenntnisse aus dem Herzbericht haben Sie besonders überrascht?


Der Bericht zeigt: Es gibt Geschlechterunterschiede im Hinblick auf Sterblichkeit bei Herzschwäche und auch bei den Erkrankungen der Herzklappen. Da gab es mehr Todesfälle bei Frauen als bei Männern. Das hat mich überrascht.


Haben Sie dafür eine Erklärung?


Nein, habe ich nicht. Man könnte annehmen, dass die hormonellen Zyklen der Frauen eine Rolle spielen – das ist aber nur Spekulation.


Was mich beim Lesen des Herzberichts überrascht hat: Innerhalb der nächsten 15 Jahre soll sich die Zahl an Menschen, die an Vorhofflimmern leiden, verdoppeln. Warum?


Vorhofflimmern ist eine Erkrankung, die mit dem Alter häufiger wird. Das heißt: Je älter die Menschen sind, umso höher ist das Risiko, dass sie Vorhofflimmern bekommen.  Ganz konkret: Über 80-jährige Frauen und Männer haben etwa zu zehn Prozent Vorhofflimmern, während Patientinnen und Patienten zwischen 60 und 80 Jahren noch bei circa fünf Prozent sind. Wenn die Menschen älter werden, werden auch die Fälle von Vorhofflimmern zunehmen.


Im Herz-Bericht steht auch, dass 2017 in Deutschland insgesamt weniger Menschen an Herzinfarkten gestorben sind – im Vergleich zum Vorjahr. Aber es gibt nach wie vor sehr starke Unterschiede innerhalb der einzelnen Bundesländer, was die Sterblichkeitsrate angeht. In dieser Hinsicht steht Brandenburg, im Vergleich zu Berlin, schlecht da...


Was zunächst auffällt: Insgesamt sind die ostdeutschen Länder stärker von Herzerkrankungen betroffen. Ich könnte mir denken, dass die Unterschiede dadurch zustande gekommen sind, dass es in Ostdeutschland im medizinischen Netzwerk noch nicht solche Verflechtungen gibt, wie in Westdeutschland: Sowohl die Akutversorgung, als auch die Reha, aber auch die Prävention ist noch nicht so gut aufgestellt, wie dies in den westlichen Bundesländern der Fall ist. Es ist also einfach eine Frage der Zeit, bis es auch in den östlichen Bundesländern vergleichbare Versorgungszustände gibt.

Grundsätzlich gelten für alle Menschen die gleichen Risikofaktoren, wie Rauchen oder ein erhöhter Cholesterinspiegel. Und natürlich gibt es noch sozio-ökonomische Risikofaktoren, wie beispielsweise Stress – wobei nicht jeder Stress schlecht für das Herz ist.


Wann ist Stress gut, wann ist der schädlich für das Herz?


Es gibt den positiven Stress, auch "Eustress" – und es gibt negativen Stress. Wenn Sie irgendwo auf einer freien Autobahn schneller fahren können, dann geht es Ihnen gut und Sie kommen gut voran. Das ist auch Stress, weil Sie stärker aufpassen müssen, aber es ist ein schöner Stress.


Dann Lärm: Der geht auf die Nerven und macht krank – aber es gibt auch schönen Lärm. Kennen Sie schönen Lärm?


Konzerte!


Ja, Konzerte zum Beispiel:  bei den Rolling Stones auf der Waldbühne in der dritten Reihe zu stehen ist laut, aber auch toll.


Oder wenn Sie in irgendwo in Westerland auf einer Bank sitzen und das laute Rauschen des Meeres hören – die ganze Nacht lang – das ist wunderschöner Lärm. Lärm ist also nicht gleich Lärm und das herauszufinden ist letztlich die große Kunst: wann ist etwas schädlich und wann ist es hilfreich.


Kommen wir noch einmal auf die ostdeutschen Länder zurück. Die standen schon in den vorangehenden Herzberichten oft vergleichsweise schlechter da. Hat sich in den letzten Jahren etwas verbessert?


Sachsen-Anhalt war besonders traurig darüber, dass sie in früheren Herzberichten die "Rote Laterne" getragen haben – umso mehr freue ich mich, dass das zum Teil bei Herzinfarkt nun nicht mehr so ist. Da hat sich etwas getan.

Aktuell läuft in Sachsen-Anhalt auch eine Studie, die sich damit auseinandersetzt, wie schnell und wie gut Herzkranke versorgt werden und was zur Vorsorge und Vorbeugung getan wird, um diese weiter zu verbessern. 


Berlin ist ein Stadtstaat mit rund 3,6 Millionen Einwohnern. Im Flächenstaat Brandenburg wohnen circa eine Million Menschen weniger – aber viel weiter verteilt. Inwieweit wirken sich Stadt-Land-Unterschiede auf die Versorgung von Herzkranken aus?


Fakt ist, dass jemand, der auf dem Land einen Herzinfarkt bekommt, lange nicht so schnell in der Klinik sein kann, wie jemand der in der Stadt wohnt – selbst bei schnellen Transportmitteln.


Hinzu kommt, dass Menschen in ländlicheren Gebieten möglicherweise auch weniger arztaffin sind und eher denken: "Ach, das ist nicht so schlimm, das wird schon wieder." Ich glaube, dass die Sensibilisierung in der Stadt noch stärker ist, als auf dem Lande.


Die Berliner Bevölkerung hat auch eine gute Versorgung mit Kardiologen. In Brandenburg kommt auf rund 28.000 Einwohner ein Kardiologe – ein ähnliches Gefälle gibt es auch bei Herzchirurgen. Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern damit Menschen deutschlandweit gut versorgt sind mit Herzspezialistinnen und -spezialisten?

Wenn der fehlende Kardiologe oder die fehlende Klinik der Grund ist für erhöhte Herzkranzgefäß-Erkrankungen oder die erhöhte Sterblichkeit in einem Bundesland, dann muss man das ändern. Aber: Manchmal gibt es eine gute Korrelation, aber noch lange keinen Kausalbezug.

Überspitzt ausgedrückt heißt das: Es könnte sein, dass wir sagen, es liegt daran, dass da keine Ärzte sind – es könnte aber auch daran liegen, dass die Menschen da einfach mehr rauchen.

Überhaupt den Risikofaktor herauszubekommen, der tatsächlich verantwortlich ist für die schlechtere Überlebenschancen beim Herzinfarkten - das ist manchmal sehr schwer.

Was könnte noch getan werden, damit auch in Brandenburg und generell in ländlicheren Regionen in Zukunft weniger Menschen an Herzerkrankungen sterben?

Unabhängig davon, ob Menschen auf dem Lande leben oder in der Stadt, sollte eine Versorgungstruktur geschaffen werden, mit der ihnen in Notfällen schnell geholfen werden kann.


Außerdem sollten Aufklärungskampagnen so gestaltet sein, dass sie auch auf dem Land ähnlich gut wirken, wie in belebteren Gegenden. Dann wird aktuell auch versucht, in Brandenburg wieder mehr Ärzteniederlassungen zu schaffen. Ich glaube, dass man mit diesen Maßnahmen langfristig was erreichen kann – allerdings braucht das Zeit.


Was ich auch sehr wichtig finde, um gewisse Ungleichheiten zwischen Land und Stadt zumindest überbrücken: Telemedizin.


Wie kann Telemedizin konkret helfen? Ein Beispiel, bitte!


Wenn ich hier im Krankenhaus tätig bin und jemand schickt mir ein EKG von irgendwo, wo sonst kein Arzt vorhanden ist, dann kann ich schon sagen: Schauen Sie mal, das ist ein Herzinfarkt. Holen Sie mal schnell den Rettungswagen und dann bringt er den Patienten in die nächste Klinik.


Ich glaube wir können sehr viel über Telemedizin erreichen: wenn Daten, zum Beispiel EKGs oder auch Befunde, an Ärzte zugeschickt werden, können sie die aus der Ferne analysieren und interpretieren und so ist die Qualität der Versorgung gegeben – und das auch noch schnell.


Zum Schluss: Gibt es etwas, das Sie unseren LeserInnen und UserInnen noch mitgeben wollen?


Was mir als junger Mann auch so ging: Man denkt immer alt werden, das ist noch lange hin. Wenn man einem 18-jährigen Raucher sagt: "Pass mal auf, mit 30 oder 40 kannst du Probleme bekommen", dann sagt der: "So ein alter Grufti will ich gar nicht werden." Ist er aber irgendwann 40, will er auch 50 werden und so geht das immer weiter. Da ist es schön, wenn man schon früh präventive Maßnahmen trifft:


Was man zum Beispiel immer gutes tun kann, ist Laufen. Joggen ist ein hervorragender Sport der letztlich nur, nur Gutes tut – es sei denn man hat Knieprobleme. Aber sonst bewirkt Laufen nur Gutes: Man fühlt sich wohl, vor allem wenn man gerade gejoggt hat und man hat den inneren Schweinehund überwunden, wenn es draußen regnet oder kalt ist.


Und das Schöne ist: Dabeibleiben. Je mehr man dabei bleibt bei einer Sache, umso mehr ist man stolz auf sich. Diese Erkenntnis wünsche ich allen, denn es macht so viel Spaß auch im Erwachsenenalter Sport zu treiben, um einfach glücklich zu leben.


Absolut! Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Andresen.






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