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Sexismusdebatte: Reden über #MeToo

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Endlich Postpostfeminismus

Das Private, so lautete die feministische Parole der siebziger Jahre, sei politisch. Und egal, wofür die Feministinnen der sogenannten Zweiten Welle kämpften, sie kämpften gemeinsam: gegen Paragraf 218, gegen das Schweigen über häusliche Gewalt, gegen die Last der Care-Arbeit

"Ach, Mama, come on", dachte sich die nachfolgende Generation und verbannte die altbackene Rhetorik der Solidarität fingerschnipsend in die Geschichtsbücher. Die bauchfreien nuller Jahre versprachen Selbstbestimmung ohne politische Parolen, Feminismus entwickelte sich zur Ich-Politik – zu einem Postfeminismus, der die Errungenschaften der Vorgängerinnen zwar genoss, sich jedoch nicht näher mit seinen einstigen Forderungen auseinandersetzen wollte. Feminismus, das ist für viele mittlerweile: Konsum, Karriere, Körperkult; eine individuelle Angelegenheit, in der alles unter dem Zeichen der freien Wahl steht. Und so, wie einst alles Private als politisch galt, erscheint heute alles Banale potenziell feministisch: "Shopping, Pole-Dancing, sogar Schokoladeessen", formulierte es die Philosophin Nina Power einmal polemisch. Feminismus, das sei das "allerneuste Must-have-Accessoire". 

#MeToo hat uns gezeigt, dass wir den Feminismus vielleicht doch für etwas mehr brauchen, als uns lediglich mit ihm zu schmücken. Die vielen Erfahrungsberichte über Benachteiligung von Frauen, Belästigung oder Übergriffe ähneln einander dermaßen, dass es zwingend geboten erscheint, gemeinsam – auch mit Männern – auf dieses Problem zu blicken.

Der Feminismus der siebziger Jahre war akademisch und weiß. Was es nun braucht, ist eine Bewegung, die alle einbezieht. Die sich solidarisch zeigt, nicht nur gegenüber Frauen, die gegen gläserne Decken stoßen, sondern auch gegenüber Women of Color, alleinstehenden Müttern, prekär Beschäftigten. Ein Feminismus, der nicht nur von Einzelfällen, sondern von Strukturen spricht. Ein Feminismus, der anerkennt, dass auch Männer unter der Binarität unseres Denkens leiden und der sie darum als potenzielle Komplizen begreift. Ein Feminismus, der das Banale nicht gegen das Politische ausspielt.

Die Aufregung um #MeToo wird verblassen. Doch solch ein Feminismus, man könnte ihn Postpostfeminismus nennen, hat die Chance, weiter zu bestehen.
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