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Berliner Halbmarathon: Mutmaßliche Islamisten wieder frei

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Berliner Halbmarathon

Sechs mutmaßliche Islamisten, die vor dem Halbmarathon festgenommen wurden, sind wieder frei. Sie seien nicht dringend tatverdächtig.

Die während des Berliner Halbmarathons festgenommenen mutmaßlichen Islamisten kommen nicht in Untersuchungshaft. Die Beweise für einen Haftantrag hätten nicht ausgereicht. Bei den Durchsuchungen sei nichts Verdächtiges gefunden worden, weder verbotene Waffen noch Sprengstoff, so die Polizei. Die Männer im Alter von 18 bis 21 Jahren wurden am Montag aus dem Polizeigewahrsam entlassen.

Die Verdächtigen waren von Observationskräften dabei beobachten worden, wie sie am Sonnabend die Marathonstrecke abliefen. Vor dem noch ungenauen Hintergrund des Anschlages in Münster, entschieden sich die Sicherheitskräfte präventiv einzugreifen. Ein "Gefährdungsmoment" habe man nicht ausschließen können, hieß es von der Polizei. Über den Zugriff der Polizei waren Innensenator Andreas Geisel und sein Staatssekretär Torsten Akmann (SPD) informiert gewesen. "Die Entscheidung von gestern war absolut richtig. Im Zweifel geht es um die Sicherheit der Bürger dieser Stadt und ihrer Gäste", sagte Geisel am Montag.

Die Polizei will weiter beschlagnahmte Handys und Computer auswerten. Bei den sechs Verdächtigen im Alter von 18 bis 21 handelt es sich um vier deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund, einen deutsch-türkischen Staatsbürger und einen Mann mit deutsch-tunesischem Hintergrund. Bei den beiden Hauptverdächtigen, den in Berlin geborenen Walid S. (20) und Abed W. (19), handelt sich um polizeibekannte Islamisten, die auch im Kontakt mit dem Attentäter vom Breitscheidplatz, Anis Amri, standen.

Tatverdächtige pflegten sehr engen Kontakt zu Anis Amri

Belege, dass Walid S. in die Planungen des Breitscheidplatz-Attentats am 19. Dezember 2016 verwickelt gewesen sein könnte, haben die Ermittler bisher nicht gefunden. Den Attentäter Anis Amri kannte er nach Informationen der Berliner Morgenpost aber offenbar doch recht gut. Eine Zeit lang habe er ihn drei bis viermal pro Woche in der Fussilet-Moschee gesehen, berichtete Walid S. den Sicherheitsbehörden, als diese ihn nach dem Anschlag verhörten. Amri habe in dem Anfang 2017 geschlossenen Dschihadisten-Treff zwar keine herausgehobene Funktion gehabt. Einmal habe er dort aber vorgebetet, manchmal habe er in den Räumen sogar übernachtet. Amri habe irgendwie mysteriös gewirkt, wusste S. zu berichten, sei offenkundig kein Party-Typ gewesen, sondern sehr "religiös". Dass er einen Anschlag plante, habe er aber niemals für möglich gehalten.

Merkwürdig nur: Noch am Tag des Anschlags, so berichtete Walid S., habe Amri ihn um ein Treffen gebeten. "Bruder, wie geht's dir", habe der Tunesier per SMS geschrieben. Dann hätten sie sich am U-Bahnhof Osloer Straße verabredet, seien einige Zeit herumgelaufen und Amri habe ihn zum Essen eingeladen. Wenige Stunden später kaperte Amri einen Sattelschlepper und brachte seinen Anschlagsplan zum Abschluss. Davon habe Amri aber mit keinem Wort gesprochen, behauptete Walid S., der in Halensee wohnt. Man habe über nichts Besonderes geredet. Er habe nicht den Eindruck gehabt, dass Amri sich verabschieden wollte.

Die zweite Auffälligkeit: Wenige Stunden nach dem Anschlag wurden Walid S. und zwei seiner Freunde von der Polizei aufgegriffen - ausgerechnet dort, wo Amri zugeschlagen hatte: am Breitscheidplatz. Die Vermutung, Amri habe ihn bei dem Treffen wenige Stunden zuvor in seinen tödlichen Plan eingeweiht, und Walid S. habe den Terrorakt seines salafistischen Glaubensbruders mit eigenen Augen sehen wollen, wies Walid S. auch in einer zweiten Vernehmung aber von sich.

Alle verkehrten in der Fussilet-Moschee

Vielmehr habe ein Freund in unmittelbarer Nähe des Breitscheidplatzes an der Budapester Straße gewohnt. Aus dessen Wohnung habe man an diesem Abend eine Playstation holen wollen, sagte er. Von dem Anschlag habe er nur über die Medien erfahren. Den Freund gibt es tatsächlich und er wohnte auch an der Budapester Straße. Er heißt Abed W., lebte eine Zeit lang in Tunesien und ist 19 Jahre alt - auch er wurde wegen der Befürchtung, er könne in Planungen für einen Anschlag auf den Halb-Marathon verwickelt sein, am Sonntag in Gewahrsam genommen. Auch Abed W. verkehrte im Dschihadisten-Treff der Fussilet-Moschee - und auch er kannte Anis Amri näher.

Am Tag des Anschlags habe er, anders als Walid S., keinen Kontakt zu Amri gehabt. Aber eine Woche davor. Er habe damals vor dem Gesundbrunnen-Center Flyer über den Islam verteilt. Nach dem Besuch einer Moschee an der Pankstraße habe er dann zufällig Anis Amri getroffen und ihm von der Flyer-Aktion berichtet. Amri habe das offenbar merkwürdig gefunden. "Du verteilst hier Flyer und die bombardieren unsere Länder", habe der spätere Attentäter gesagt. Auch die Frage, was er damit meine, habe Amri gelächelt und lediglich gesagt: "Nur so."

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