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Razzia in Berlin: Islamisten hatten Kontakt zu Anis Amri

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Islamismus

Die Polizei durchsuchte am Donnerstag mehrere Wohnungen, vor allem in Neukölln. Zwei der Betroffenen hatten Kontakt zu Anis Amri.

Berlin. Die Polizei hat am Donnerstag neun Wohnungen und Objekte mutmaßlicher Islamisten in Berlin und Sachsen-Anhalt durchsucht. Bei der Razzia wurden Verdächtige von Beamten eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) festgenommen. Dabei kamen 130 Polizisten zum Einsatz. Ein Schwerpunkt der Durchsuchungen lag in Neukölln. Konkrete Anschlagsplanungen lagen nicht vor. Nach Informationen der Berliner Morgenpost hatten mindestens zwei der von den Maßnahmen Betroffenen Kontakt zum Attentäter vom Breitscheidplatz, Anis Amri.

Hintergrund sind Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft gegen vier Beschuldigte im Alter von 18 bis 21 Jahren. Sie stehen im Verdacht, Mitglieder der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu sein oder den Versuch unternommen zu haben, in die IS-Kampfgebiete auszureisen. Dies kann als Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat gewertet werden.

Drei Beschuldigte sollen sich immer noch im ehemaligen Herrschaftsgebiet des IS aufhalten. Wie der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft, Martin Steltner, mitteilte, soll einer von ihnen eine militärische Ausbildung an Waffen und Sprengstoff absolviert haben. Der vierte Beschuldigte steht im Verdacht, seine Mitstreiter bei der Ausreise unterstützt zu haben, indem er sie zum Flughafen fuhr.

Der Zugriff begann in den frühen Morgenstunden. Dabei durchsuchten bewaffnete Polizisten unter anderem eine Wohnung in einem Hochhaus an der Lipschitzallee in Gropiusstadt sowie eine Wohnung an der Budapester Straße in der City West.

Betroffen von den Maßnahmen war nach Informationen der Berliner Morgenpost aus dem Umfeld der Sicherheitsbehörden auch der 19 Jahre alte Walid S. Der deutsche Staatsbürger kannte Amri seit Ende 2015 aus der Fussilet-Moschee in Moabit. Die Gebetsstätte wurde im Februar dieses Jahres geschlossen und galt als einer der wichtigsten Berliner Treffpunkte für IS-Anhänger. Etliche Vorstände des Moscheevereins wurden bereits verurteilt. Auch für Anis Amri war die Moschee einer seiner wichtigsten Anlaufpunkte in der Hauptstadt.

Walid S. informierte die Behörden bereits im Januar dieses Jahres in einer polizeilichen Vernehmung zur Aufklärung des Breitscheidplatz-Anschlages über seine Bekanntschaft mit Amri. Dabei räumte er ein, mit Amri noch am Tag des Anschlags, dem 19. Dezember 2016, an einem Döner-Laden in der Nähe des U-Bahnhofs Osloer Straße verabredet gewesen zu sein. Amri habe mit ihm aber nicht über seine Anschlagsplanungen, sondern nur über "Persönliches" gesprochen.

Wenige Stunden nach dem Anschlag wurde Walid S. von Polizisten am Breitscheidplatz angetroffen. In der Vernehmung versicherte er jedoch, von dem Terrorakt nur über die Medien erfahren zu haben. Die Behörden fanden nach Morgenpost-Informationen keine Anhaltspunkte, diese Aussage in Zweifel zu ziehen. S. wurde in den Ermittlungen zum Breitscheidplatz-Anschlag daher zu keinem Zeitpunkt als Beschuldigter, sondern lediglich als Zeuge geführt. Auch in dem aktuellen Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Ausreise in IS-Gebiete wird Walid S. nach Morgenpost-Informationen nicht als Beschuldigter, sondern lediglich als Zeuge geführt.

Amri-Kontakt beschrieb Terroristen als "sympathisch"

Kontakt zu Amri hielt auch Abed El-Rahman W. Der 18-jährige Berliner soll zwei Mitstreiter, die mutmaßlich nach Syrien wollten, zum Flughafen gefahren haben. W. gilt daher als Beschuldigter. Wie Walid S. wurde auch W. nach dem Breitscheidplatz-Anschlag als Zeuge vernommen, weil auch er Amri aus der Fussilet-Moschee kannte. Dabei beschrieb W. Amri als "sympathisch" und "sehr respektvoll".

Zuletzt getroffen habe er Amri rund eine Woche vor dem Anschlag, sagte W. in der Vernehmung des Bundeskriminalamtes. Er habe am Gesundbrunnen-Center Flyer über "den Islam" verteilt. Amri habe dies mit den Worten kommentiert: "Du verteilst hier Flyer, und die bombardieren unsere Länder." Auf die Frage, was er mit der Bemerkung habe ausdrücken wollen, habe Amri nur gelächelt und gesagt: "Nur so." Anhaltspunkte, dass W. in Amris Planungen für den Breitscheidplatz-Anschlag eingebunden gewesen sein könnte, fanden die Behörden auch bei W. nicht.

Für Aufregung und erhebliche Behinderungen im Straßenverkehr sorgte am Donnerstag zwischenzeitlich eine verdächtige Tasche, die in der Nähe des durchsuchten Wohnhauses in der Budapester Straße abgestellt war. Die Polizei gab aber bereits am Vormittag Entwarnung. In der Tasche befand sich lediglich eine Flasche Wein.

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